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Letztes Update:
29. Oktober 2020 - 22:49

Von Baia zu den Banlieues

Wilfried Haukes zweiteilige Doku „Dekadenz“ feiert Premiere auf Arte


„Dekadenz“, das ist ein schillernder Begriff, dem der Melsdorfer Filmemacher Wilfried Hauke in seiner zweiteiligen Dokumentation nachspürt, die am 30.9.2020 auf Arte ihre Premiere erlebt. Die Janus-Köpfigkeit der Dekadenz wird schon in den Untertiteln der beiden 52-minütigen Teile deutlich: „Sehnsucht nach Lust und Verfall“ und „Kampf gegen den Untergang“.


Schönheit des Verfalls (Still aus dem Film, Foto: dmfilm und tv produktion / ARTE)
Ausgangspunkt des opulenten Bilderbogens einer offenbar immer wiederkehrenden Zeitenwende vom vermeintlichen Verfall zu einem postulierten Neuanfang ist die im Meer vor Neapel versunkene Römertherme Baia, wohin die Kamera die Tauchlehrerin Cristina Canoro begleitet. Schon der römische Philosoph Seneca sah in den Lusttempeln am Fuße des Vesuvs ein „Rasthaus des Lasters“ und verknüpfte damit das ausschweifende, dekadente Leben der Herrschenden mit deren folgerichtigem Untergang. „Was ist dran an diesem Mythos von der römischen Dekadenz, von Orgien der Oberschicht, die sich nicht mehr um ihre Gesellschaft gekümmert haben?“, beschreibt Wilfried Hauke das Anliegen seiner Doku. „Ist das römische Reich tatsächlich an diesem moralisch-ethisch verwerflichen Leben zerfallen, oder ist es vielleicht ein Mythos, mit dem wir bis heute arbeiten?“


Tauchgang in den Nymphentempel der untergegangenen Stadt Baia (Still aus dem Film, Foto: dmfilm und tv produktion / ARTE)
In der Tat lebt Dekadenz als Mythos vom Verfall und Lust am Untergang fort. In gefühlten Wendezeiten wandelt sie sich wie schon in Oswald Spenglers „Der Untergang des Abendlandes“, der heute wieder von Rechtspopulisten heraufbeschworen wird, und angesichts von Klima- und Corona-Krise zum Kampfbegriff – wie auch zur ironisch widerständigen Lebensart. Zwei Seiten einer Medaille, welche die Doku mit zehn Gewährsleuten beleuchtet.


Lust und Rafinesse der Dekadenz in Frédéric Roberts Caféhaus in Straßburg (Still aus dem Film, Foto: dmfilm und tv produktion / ARTE)
Der Philosoph Michaël Fœssel definiert Dekadenz als den „Zerfall einer Zivilisation, zugleich Verlust der Sinnhaftigkeit innerhalb einer Gesellschaft und (...) Korruption ihrer Elite“, während für die Kabarettistin Lisa Eckhart Dekadenz „opulente Lebensbejahung, aber mit dem Wissen um die Sterblichkeit“ ist. Auch die „Dandys“ von heute wie der Berliner Modeblogger David Roth und Frédéric Robert, der in Straßburg ein Caféhaus im Stil des Fin de Siècle betreibt, feiern Dekadenz als spielerische Lust am Untergang, während sich in den sozialen Brennpunkten der Pariser Banlieues die Dekadenz des entgrenzten Kapitalismus in Deklassierung durch die herrschenden Eliten zeigt. (jm)

„Dekadenz“, D 2019, 2 x 52 Min., Buch und Regie: Wilfried Hauke, Produktion: dmfilm & tv produktion, Radio Bremen, SWR, Arte.
Premiere: Mittwoch, 30.9.2020, 21.40 und 22.35 Uhr auf Arte und in der Arte-Mediathek.