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Letztes Update:
18. April 2019 - 21:56

Poetischer Lebensstrom

Helmut Schulzecks neuer Nidden-Film „Jonusas - Himmel und Hölle sind mein“ - Premiere am 5. März im Kieler KoKi

„Mein Leben eilt wie ein Fluss dahin ... ich stehe mitten in der Strömung und frage, wo entspringt er und warum fließt er überhaupt“, dichtet der litauische Maler Eduardas Jonusas aus Nidden an der Kurischen Nehrung. Helmut Schulzecks Porträt dieses außergewöhnlichen Künstlers mit einer bewegten und zum Teil traumatischen Vergangenheit zeigt ihn zu Beginn beziehungsreich am Ufer eines Flusses und lässt ihm am Ende am Ostseestrand im Nebel verschwinden. So poetisch surreal Jonusas’ Malerei anmutet, sind auch solche Filmbilder, die Kameramann Frank Fiedler und Schulzeck für die Erzählung von Jonusas’ Leben finden. Die leise Melancholie der Hafflandschaft bildet die passende Kulisse für einen, der von sich selbst behauptet, „ich bin mit der Natur verwachsen, als hätte sich die Natur mir angepasst“.
Jonusas am symbolischen Strom seines Lebens ...
Schulzeck begleitet den Maler und Bildhauer auf eine Erinnerungsreise durch sein Leben, einen mäandernden Strom. Trotz oder vielleicht gerade wegen dessen enger Verbindung zu einem Landstrich ist das eine Geschichte von Entwurzelungen. Vor Kriegsende übersiedelt Jonusas’ Vater mit der Familie in die Nähe von Berlin. Im Frühjahr 1945 kehrt Jonusas alleine zurück nach Litauen, um nach dessen Einverleibung durch die Sowjets vom KGB verfolgt zu werden. Jonusas wird des Landesverrats bezichtigt und zu 25 Jahren Lagerhaft verurteilt. Schulzeck führt ihn zurück an die Stätten der Pein in der Haft, in das heutige KGB-Museum in Vilnius. Jonusas ist ein Bildermacher. Immer wieder sieht man ihn mit dem Fotoapparat, ein Spurensucher wie in seinen Gemälden, die von den Alpträumen aus der Lagerzeit Zeugnis ablegen. Nicht minder bedrückend ist die Atmosphäre der Filmbilder. Aber nicht nur die Hölle hat Jonusas gesehen, auch den Himmel einer zwar schwierigen, aber doch im unmittelbaren Naturerleben glücklichen Kindheit - eingefangen in rückblendenden Bildern mit einem kleinen Jungen als Darsteller (Lenny Bindzus) - zeigt der Film: den Gutshof, auf dem der Großvater angestellt war, den Oderbruch als Landschaft der Kindheit bei Berlin.
... und auf dem Haff (mit Kameramann Frank Fiedler)
Doch Jonusas sieht „alle Dinge durch das Prisma des Lagers“. Die Angstträume lassen sich nicht abschütteln, es sei denn als „Entladung im Bild“. Immer wieder streift die Kamera über die Gemälde und zeichnet so mehr noch als Jonusas’ Kommentare in den Interviews das Bild einer zutiefst verletzten Seele. Der dokumentarische Blick, der sonst immer auch zur berichtenden Abständigkeit tendiert, geht hier nach innen, lädt jeden Schwenk über die eindrucksvolle Landschaft der Nehrung symbolisch auf. So gelingt ein Porträt, das es sich erlauben kann, im achtungsvollen Schwebezustand zärtlicher Annäherung zu verharren, mehr noch: das dem Leben des Eduardas Jonusas nicht angemessener hätte sein können.
Der landestypische Kurenkahn als Signal und Zuflucht der Fantasie
Während Helmut Schulzecks frühere Dokumentarfilme über Nidden und seine (ehemaligen) Bewohner sich oft zum bloß Pittoresken ausladender filmischer Landschaftsmalereien hinreißen ließen, wirkt diese Bildsprache in „Jonusas - Himmel und Hölle sind mein“ organisch und schlüssig. Dies nicht zuletzt, weil der Porträtierte selbst ein Sprecher in solchen Bildern ist. Helmut Schulzeck und seinem Team (hervorzuheben ist dabei die stimmungsvolle und doch nie das Bild nur untermalende Musik von Karsten Schnack) haben einen Dokumentarfilm geschaffen, der so nicht nur ein sensibles Porträt eines im Wortsinne Gezeichneten liefert, sondern das Genre um eine poetische Dimension bereichert, die für zukünftige ähnliche Porträts als richtungsweisend gelten kann. (jm)
Jonusas - Himmel und Hölle sind mein
D 2004, 65 Min, Beta SP, gedreht auf Mini-DV; Regie und Produktion: Helmut Schulzeck; Buch: Helmut Schulzeck, Frank Fiedler; Kamera: Frank Fiedler, Helmut Schulzeck; Schnitt und Tonmischung: Frank Fiedler; Musik: Karsten Schnack; produziert in der Filmwerkstatt Schleswig-Holstein, Kiel; gefördert von der MSH und der Kulturellen Filmförderung Schleswig-Holstein. Premiere am 5.3., 20.30 Uhr, KoKi Kiel, weitere Vorführungen am 9. und 10.3., jeweils 19 Uhr.
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