Der Newsletter zum Thema Medien in Schleswig-Holstein
herausgegeben von
Filmkultur Schleswig-Holstein e.V.
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Impressum
Letztes Update:
15. Juli 2023 - 13:56 |
Crossing the line – Janne Höltermanns Videoinstallation „kacheln†im Lessingbad KielUnser Raumempfinden als Stadtmensch ist so rechtwinklig wie die Linien und Ecken der Architektur, in der wir leben. Unsere Bewegungen werden geregelt und begrenzt durch sichtbare Linien auf dem Boden und unsichtbare Linien in unseren Köpfen. Wir akzeptieren jedes Gartentürchen als Grenze zwischen Drinnen und Draußen, zwischen Dein und Mein. Wir schreiten über Zebrastreifen und treten in gelb markierte Felder, bevor wir eine Zigarette anzünden. Diese Linien, ob konkret oder imaginär, sind die Ariadnefäden, aus denen wir uns ein Sicherheitsnetz der Orientierung knüpfen. Wie fragil dieses Netz ist, hat Janne Höltermann bereits in ihrer Fotoserie „lots†(2009) klar gemacht, indem sie die perspektivisch verzerrten Markierungen auf Parkplätzen und Fußgängerwegen nachträglich begradigte und damit eine kubistisch verwirrende Gleichzeitigkeit von An- und Aufsichten erzeugte. Das strenge Raster der Fliesen im Lessingbad erinnert daher nicht zufällig an das Orientierung gebende Netz von Längen- und Breitengraden auf einer Weltkarte, deren Ozeanflächen sogar das gleiche Türkisblau zeigen wie die Bodenfliesen des Schwimmbeckens. Die rasenden Bilder, die wir sehen, sind aber kein „Point of viewâ€, keine subjektive Kamera, die eine menschliche Wahrnehmung simuliert wie bei Verfolgungsjagden im Hollywoodkino. Sie zeigen den maschinenhaften Blick eines Sensors, der emotionslos die Umgebung scannt und vertraute Zeichen und Orientierungspunkte zu grafischen Mustern reduziert, bis ins dekorativ Ornamenthafte. Die Kamera überquert dabei ungerührt die Markierungslinien, die einst den chlorgetrübten Augen der Schwimmer die Richtung weisen sollten, und im Zusammenspiel aus drei synchronisierten Bildkanälen entstehen Kaleidoskop-Effekte, die endgültig die Dimensionen des Raumes durcheinander wirbeln. Die gefällige Ästhetik, die diesen Bildern innewohnt, wird durch eine penetrante Tonspur gebrochen, die Hinweise auf den Schaffensprozess gibt. Das Rattern der Installation dringt lautstark durch die ganze „Damenseite†der Badeanstalt und verrät, dass die Kamera keineswegs schwebt oder schwimmt, sondern sehr bodenständig und erdverbunden mit einem Rollwagen über die Fliesen kachelt. ![]() „kacheln†in der Damendusche: Janne Höltermanns Beitrag zur Ausstellung „Körpersichten†im Kieler Lessingbad (Fotos: Janne Höltermann) |
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