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1. Oktober 2019 - 12:12

Kinderglück und Alltagsnot auf Sylt anno dazumal

„Inseltöchter“ (Annette Ortlieb, D 2011)


„Inseltöchter“ von Annette Ortlieb ist ein stiller Film und zugleich sehr lebendig. Meeresrauschen, Wasser-, Strand- und Windbilder und vor allen die Kindheitserinnerungen seiner drei Frauen, die im ersten Drittel des letzten Jahrhunderts auf Sylt aufgewachsen sind, prägen ihn. Zwischen 1905 und 1926 geboren, führen uns die drei Damen mit ihren Geschichten und Schilderungen, die sie noch einmal vor der Kamera nachzuerleben scheinen, zurück in eine, man möchte sagen, ferne, fast vergessene Welt. Diese ist geprägt von der Naturgebundenheit des Lebens auf der Nordseeinsel, die zu jener Zeit nur für sechs Wochen im Jahr, zur Sommersaison, aus ihrer peripheren Abgeschiedenheit erwachte.

Trotz der elementaren Gewalten von Sturm und Flut scheint ein noch heiles Naturidyll, das den Hintergrund für Kinderspiel und kleine „Abenteuer“ abgab, die Entbehrungen, ja die materielle Armut dieser Zeit in den Jugenderinnerungen der drei Frauen ins zweite Glied rücken zu lassen. „Wunderschöne Sommer“ mit Strandleben, Schwimmenlernen im Watt und staunendem Beobachten der reichen Sommergäste, die selbst aus Österreich mit zahlreicher Dienerschaft ins damals mondäne Kurbad an der Nordsee kamen. Oder: das kindliche Sich-Vergessen in den Wattwiesen, in denen es „kochte und zirpte“, und „das Gefühl aufgehoben zu sein“. Marga Barake (geb. 1905), Herta Findeisen (geb. 1923) und Laura Kerwin (geb. 1926) wissen, diese Dinge und ihre immer noch frischen Empfindungen dazu dem Zuschauer lebendig und humorvoll zu erzählen. Einiges taucht dabei fast impressionistisch aus der Vergangenheit auf: die leider lange schon abgeschaffte Inselbahn, das Petrifest, das alljährlich zum Winterausklang Ende Februar (damals noch am Vortag der Ausfahrt der Männer zum Walfang) besonders für die Kinder zum großen Fest wurde (und es heute noch ist), oder das Badengehen kurz nach der Jahrhundertwende, nach Geschlechtern getrennt, prüde eingepackt, in voller Montur vom Kopf bis zu den Füßen inklusive Badeschuhen.


Vergangene Kinderwelt auf Sylt (Still aus dem Film)
Doch auch die Mühsal des Alltags ist Bestandteil der Rückschau. Geld war selten vorhanden. Laura Kerwins Familie ernährte sich oft aus dem eigenen Garten, den der Vater, ein gebürtiger Sachse und deshalb den Erinnerungen seiner Tochter nach talentiert für Gartenarbeit, angelegt hatte. Im Sommer laufen die Kinder nur barfuß, das einzige Paar Schuhe wird für Fahrten nach Westerland geschont. Getrocknete Schafskötel werden von den Kindern als Heizmaterial für den Winter säckeweise eingesammelt. Bezeichnend die vielen Selbstmorde. An stürmischen Novembertagen sehen die Mädchen Erhängte in ihren Waschküchen. Fürs kindliche Gemüt ist das kaum zu begreifen, wird dennoch neugierig beäugt wie die angeschwemmten Strandleichen nach Schiffsunglücken. Makabere Realität, die die älteren Damen heute noch gruseln macht.

Höhepunkte des Films sind die heiter von der über hundertjährigen Marga Barake erzählten Abenteuer. Marga gehört zu den kindlichen „Strandräubern“, die z.B. ein Fass mit süßlichem Alkohol (Rum?) aufstöbern, bald darauf durch beständiges „Naschen“ „high“ in den Dünen liegen und zu guter letzt per Pferdefuhrwerk „wie Säcke“ zu Hause abgeliefert werden. Ein gestrandeter, 17 Meter langer Wal wird zur Attraktion für die ganze Insel. Soldaten sperren dem gerade verendeten „Fisch“ mit hohen Wäschestangen sein riesiges Maul auf, und klein Marga spaziert mit ihren Freundinnen „über die wabbelige Zunge“ des riesen Viehs. Danach ist der „Walfisch“ für Tage ein arg gelittener Nahrungsvorrat für viele, trotz penetranten Trangestanks und kaum zu verhehlenden schlechten Geschmacks.

Alltagsleben nach der Jahrhundertwende, aufgesprengt durch für uns heute kurioses Inselgeschehen. Annette Ortlieb hat mit Sorgfalt und Geschick die Erinnerungen ihrer drei Protagonistinnen montiert, welche den Zuschauer und -hörer durch ihre natürliche, charmante und gewitzte Erzählweise für sich einzunehmen wissen. So bietet der 56-minütige Film eine lohnende Geschichtsstunde zwischen beseelter Kinderwelt und hartem Erwachsenenlos. (Helmut Schulzeck)

„Inseltöchter“, Deutschland 2011, 56 Min., Farbe, Buch und Regie: Annette Ortlieb, Kamera: Henry Fried, Beate Middeke, Annette Ortlieb, Martin Majewski, Ton: Stefan Malschofsky, Arne Siekmann, Schnitt: Margot Neubert-Maric. Gefödert vom Filmbüro Bremen (Kulturelle Filmförderung), Nachlass Frauke und Henner Krogh (Gemeinde Sylt), Stiftung Nordfriesland.

„Inseltöchter“ wird auf den Husumer Filmtagen in der Sonntagsmatinee, am 2. Oktober 2011, um 11 Uhr, im Kino Center Husum, Neustadt 114, gezeigt. Weitere Vorführungen in Schleswig-Holstein: Dienstag, 27. September 2011, 20 Uhr im Congress Centrum in Westerland/Sylt, 29. November 2011, 15.30 Uhr und 19 Uhr im Beisein der Regisseurin bei der KINObühne in Neumünster (Theater in der Stadthalle).