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Letztes Update:
13. Dezember 2017 - 23:43

Expedition in die ferne Nähe

„Meine ferne Familie“ (Helmut Schulzeck, D 2011)


Freiwillig unfreiwillig komisch wirkt Helmut Schulzeck, wenn er im Angesicht der Kinder seiner angeheirateten kenianischen Familie die Ziege zu bändigen versucht, die sein – verspätetes – Brautgeschenk sein wird, aber jetzt nur so störrisch ist wie die ganzen Verhältnisse im fernen Afrika.


Filmplakat zu „Meine ferne Familie“
Nach „Du bist mein Afrika – eine schwarz-weiße Liebesgeschichte“ drehte der Kieler Dokumentarfilmer und Wanderer zwischen zwei Welten seinen zweiten Film über „Meine ferne Familie“. 2006 heiratete er Wangechi, seine kenianische Liebe, die er in Südafrika kennengelernt hatte, in Kiel, Deutschland. Ein Akt, der bei Wangechis Familie im fernen Afrika zwar akzeptiert, aber nicht eben begeistert aufgenommen wurde. Denn der „Mzungu“, der weiße Mann aus dem aus deren Sicht nicht minder fernen Europa, ist Wangechis Familie fremd, auch wenn er das dort übliche Brautgeschenk nachträgt, die Ziege. Die ist so störrisch wie zugleich vertraut – wie die „ferne Familie“ in Afrika, die Schulzeck in seinem Film beobachtet und porträtiert. Im Zentrum ihr Patriarch „Papa Wangechi“. Helmut lässt sich beim Besuch nach der Heirat als der filmen (Kamera: Hans Albrecht Lusznat), der er dort ist: ein nicht ganz ernst zu nehmender Schwiegersohn, aber auch der vermeintlich reiche Gewinn der Familie. Wangechis Bruder Paul ist unverhohlen, wenn er seinem Schwager Geld für einen neuen Traktor abpressen will. Allein, das hat Helmut ebenso wenig wie das für Schwiegerpapas Auto, das er ihm nicht kaufen kann, was der Vater der afrikanischen Familie kaum verstehen kann.


Fremd und doch ein wenig vertraut: Papa Wangechi (Still aus dem Film)
Schulzecks Expedition in die Fremde zeigt diese Missverständnisse gegenseitiger Vorurteile „on site“ und „in action“. Das hat etwas Berührendes vor allem darin, wenn man sieht, wie die unterschiedlichen und in manchem unvereinbaren Kulturen sich dennoch bemühen, Brücken über Kontinente zu schlagen, weil da schon einmal eine gemeinsame Liebesgeschichte ist. So sehen wir ein beständiges Ringen, besonders in den Gesprächen Helmuts mit seinem kenianischen Schwiegervater, um ein Einverstandenes, das es so nicht geben kann, das sich gleichwohl in viel Humor ergibt. Denn Schulzecks Expedition in die ferne Fremde ist immer auch eine Annäherung, ein – in seinem Ungelingen dennoch gelungener – Versuch sich zu verständigen.


Helmuts afrikanische Familie auf dem trauten Sofa (Still aus dem Film)
So hat er auch ein ungemein liebevolles Auge auf die Probleme seiner „fernen Familie“. Woher kommt Rettung für den rotten Traktor? Welche Kuh sollten wir kaufen? Wie kommen wir mit den marodierenden Räubern klar, die uns das Vieh stehlen? Und wie kann man überhaupt (über-) leben in einem Teil Afrikas, der sich gerade erst globalisiert und die – zweifelhaften – Segnungen westlichen Lebensstils erwirbt?

Der „schwarze Kontinent“ ist uns Europäern nach wie vor fremd. So braucht es Botschafter wie Schulzeck, die sich darauf einlassen, die auch wagen, sich darin „zum Affen“ machen zu lassen. Denn in Afrika leben selbstbewusste Menschen, die wir als ehemalige Kolonialisten und Ausbeuter vielleicht am besten verstehen, wenn wir uns zu dem machen, zu dem wir sie einst erklärten. Helmuts Expedition in die afrikanische Fremde, die er liebend gewann, ist auch ein Film über die Hoffnung. Die Hoffnung, dass wir Menschen uns über die Grenzen von Ländern und Kontinenten hinweg verstehen können. Weil wir uns lieben. Und diese Liebe der Menschen über alle Grenzen und Fremden macht uns gemeinsam. Nicht zuletzt das zeigt Schulzecks Film in all der Fremde und Ferne eindringlich. (jm)

„Meine ferne Familie“, D 2011, 87 Min., Digital Betacam HD (gedreht auf HDV), 16:9, mono. Drehorte im District Laikipia West, Kenia. Regie, Buch und Produktion: Helmut Schulzeck, Kamera: Hans Albrecht Lusznat, Helmut Schulzeck, Schnitt: Caesar Nyumba Lovejoy, Übersetzungen: Wangechi Schulzeck, Helmut Schulzeck, Reinhard Widera, Erzähler: Tom Keller. Gefördert von der Filmwerkstatt Kiel der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein.

Der Film feiert seine Deutschland-Premiere am Dienstag, 25. Oktober 2011, 20.30 Uhr im Kommunalen Kino Kiel (weitere Vorführungen: Mittwoch, 26. Oktober 2011, 20.30 Uhr; Dienstag, 8. November 2011, 18.30 Uhr).