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Letztes Update:
31. August 2019 - 20:35

73 lebendige Minuten aus Amerika

Kai Zimmer porträtiert in „My American Minutes – Findings“ das US-amerikanische Alltagsleben


„New York ist die Stadt aller Städte“, ist sich der Kiel-Berliner Filmkünstler und Brockmann-Preisträger Kai Zimmer sicher, seit er 1991 das erste Mal die USA besuchte. Beginn einer Leidenschaft für ein Land, mit dem er durch Hollywood-Filme und TV-Serien seit Kindheit vertraut ist. 1993 montierte er aus Found Footage der Wahlkampf-Shows zwischen Clinton und Bush den Experimentalfilm „One Minute in America“ und reiste 1994 und 1995 erneut in die USA, um Material für sein „My American Minutes“-Projekt zu sammeln.

Daraus entstanden die Kurzfilme „Two“, „Three“ und „Seven Minutes in America“ und nun sein von der Filmwerkstatt Kiel geförderter 73-Minüter „Findings“. Collagiert ist er aus rund 45 Stunden Material, das Zimmer von den 90ern bis heute zwischen West- und Eastcoast sammelte. Ein Mammutprojekt, das sich dennoch kurzweilig vor allem auf NYC und darin auf Brooklyn und Bronx statt die Postkartenmotive Manhattans konzentriert. Zimmer zeigt „das unentdeckte Land“, wie es bei Shakespeare heißt, ließ sich wie Walter Benjamins „Flaneur“ durch die Straßenschluchten treiben, um „die nicht großen Gesten zu kleinen Geschichten in lockerer Abfolge zu montieren“. Beispiele: Zwei Portiere gegenüberliegender Hotels, die mit ihren Trillerpfeifen Taxis dirigieren, ein über Steuern und die Regierung philosophierender Mittelloser oder Panoramen aus Hochhausfenstern, die Straßen und ihr Leben zeigen.


Authentischer Blick auf den Großstadtdschungel New Yorks. (Foto: Kai Zimmer)
„Ich gehe nie mit einer vorgefassten Idee los, ich lasse die Straße zu mir sprechen”, sagte der Modefotograf der „New York Times“ Bill Cunningham, einer der wenn nicht Vorbilder, so doch Gewährsleute Zimmers. Neben dem Doku-Pionier Richard Leacock, dessen Arbeitsmaxime war, „dem Zuschauer das Gefühl zu vermitteln, im Zentrum des Geschehens zu stehen“. Oder Jules Dassin, in dessen „The Naked City“ die unspektakuläre Handlung Regie und Kamera die Gelegenheit gibt, an Originalschauplätzen authentisch und detailliert das facettenreiche Bild der Riesenstadt zu zeichnen.

Von allen hat Zimmer gelernt und doch in „Findings“ seine eigene Filmsprache entwickelt, indem er sich in die „kleinen, ganz normalen Straßen“ der New Yorker Suburbs begab und lediglich beobachtete, „was mir vor die Linse kam”. Das montierte er „unter methodischem Verzicht auf Übergänge” wie einst John Dos Passos in seinem wegweisenden Collage-Roman Manhattan Transfer”.


Kai Zimmer in der Bronx. (Foto: Valeria Del Vecchio)
Dass er dabei den „American Way of Life“ eingefangen hätte, will Zimmer nicht für sich reklamieren. Dazu hätte man auch durch weniger urbane Teile der USA reisen müssen. In seinen „Findings“, was zu Deutsch treffend so viel wie „Befund“ heißt, gelingt ihm doch letzterer – augenblick- und bewusst ausschnitthaft, aber darin ungemein authentisch und lebendig. (jm)

Kiel-Premiere: Freitag, 8. Juli 2016, 19 Uhr, Kino in der Pumpe. Der Filmkünstler ist anwesend.