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Letztes Update:
6. Dezember 2019 - 08:51

61. Internationale Filmfestspiele Berlin – berlinale 2011

Wilde Mädchen schlagen zurück

„Lollipop Monster“ (Ziska Riemann, D 2011)


„Alle Regler auf Anschlag“ scheint die Devise bei der Inszenierung von „Lollipop Monster“ gewesen zu sein. Schon die ereignisbeladene Handlung, die sich um die Schülerinnen Ari und Oona dreht, ist ein Kompendium drängender Teenager-Nöte: Unverständnis der Eltern, erste Sexualität, kein Geld fürs Konzert der Lieblingsband, Tod des Vaters, Selbstverstümmelung, Clique, Freundschaft, Verrat und, und, und. Der Soundtrack mit treibenden Gothic-Industrial-Pop-Songs von Alexander Hacke und Lucy van Org, eine liebevolle Ausstattung und das prämierte Kostümbild (Femina Filmpreis für Julia Brandes) schaffen eine atmosphärisch dichte Welt, in der sich Teenage-Angst und erwachsene Neurosen funkenstiebend begegnen. Denn auch die elterlichen Hans-Wurst-Figuren sind durchaus dreidimensional angelegt: Sie sind überfordert, geltungssüchtig, liebesbedürftig, ausgebrannt, verzweifelt. Und dabei eigentlich sorgende Eltern.

Zur Story: Ari (hervorragend: Jella Haase), blond & poppig, wächst zwar wohl behütet mit Muter, Vater und Bruder auf, doch sind die Eltern ihren Kindern schon lange nicht mehr gewachsen. Während Aris Bruder entweder nervöse Magenbeschwerden vortäuscht oder die Eltern mit einer sexuell hyperaktiven Freundin konfrontiert, sucht Ari ihre Abenteuer und Reibungspunkte längst außer Haus. Sie lässt sich von einem deutlich älteren Punk-Rockabilly verführen und fasst dann den Mut, sich ihrer introvertierten und abweisenden Mitschülerin Oona als Freundin anzubieten. Oona (ebenso klasse: Sarah Horváth), brünett & gothic-chic, steckt gerade in einer schweren Krise. Sie gibt sich die Schuld am Selbstmord ihres Vaters, ein seit Jahren nicht mehr erfolgreicher Maler. Oona war es, die den Seitensprung ihrer Mutter mit dem Schwager entdeckt und dem Vater gesteckt hat. Tags drauf erhängt sich der Vater in Sichtweite der Schule. Als die Mutter dann noch das Verhältnis mit dem arroganten Onkel fortsetzt, gerät Oonas Welt zunehmend aus den Fugen. Aris Freundschaftsangebot kommt zur rechten Zeit. Die beiden gehen ein Stück ihrer Selbstentdeckungsreise gemeinsam, helfen sich, lernen voneinander. Bis Ari den schweren Fehler begeht, sich mit Oonas Onkel auf ein Verhältnis einzulassen. Oona muss mit allen Mitteln verhindern, dass der Onkel ihre Familie und Freundschaft zerstört.


Wilde Mädchen: Sarah Horváth (links) und Jella Haase in „Lollipop Monster“ (Foto: Hannes Hubach)
„Lollipop Monster“ sollte mit einem Warnhinweis in die Kinos kommen: „Nichts für Spaßmuffel und Wahrscheinlichkeitskrämer. Gilt insbesondere für Eltern und Pädagogen“. Regisseurin Ziska Riemann und Co-Autorin Lucy van Org gelingt der ultimative deutsche Riot-Girl-Thriller so far: Schnell, gemein, laut und blutig. Das klingt etwas nach Exploitation-Kino, ist aber eher schräge Pop-Operette. Musik spielt überhaupt eine zentrale Rolle im Universum von „Lollipop Monster“: Der „Baron“, Lead-Sänger der imaginären Gothic-Pop-Punk-Band „Das Tier“, krächzt von der Bühne „Wir fühlen alles, uns machst du nichts vor, wir sind Trieb, Lust und Instinkt ...“ und formuliert damit das drängende Lebensgefühl der beiden Riot-Girls Ari und Oona. Ein erwachender Sexus geht mit einem fundamentalen Misstrauen gegenüber der Erwachsenenwelt einher. Riemann und van Org stellen aber trotz aller Aus- und Aufbruchsversuche ihrer beiden Heldinnen das Eltern-Kind-Verhältnis nicht grundsätzlich in Frage. Bei genauerer Betrachtung steckt da viel Sympathie zu den Eltern-Figuren im Film, die hilflos den pubertären Kapriolen ihrer Sprösslinge gegenüberstehen. So ist es denn auch Aris Mutter, die am Ende bewaffnet mit Eimer und Wischmob, den Insignien elterlicher Spießigkeit, Ari und Oona den ultimativen Beweis bedingungsloser elterlicher Liebe erbringt. Ein politisch und pädagogisch unkorrekter Spaß für die ganze Familie. (dakro)

„Lollipop Monster“, D 2011, 96 Minuten, 35 mm, 1:1.85, Regie: Ziska Riemann, Buch: Ziska Riemann, Lucy van Org, Kamera: Hannes Hubach, Schnitt: Dirk Grau, Musik: Ingo Ludwig Frenzel, Kostüm: Julia Brandes, Szenenbild: Christiane Krummwiede, Ausstattung: Dominik Benninghaus, Maske: Bernadette Reschberger, Darsteller: Jella Haase, Sarah Horváth, Nicolette Krebitz, Thomas Wodianka, Sandra Borgmann, Rainer Sellien, Produktion: Network Movie, Köln, Co-Produktion: ZDF, Mainz, gefördert durch die Filmförderung Hamburg-Schleswig-Holstein.