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Letztes Update:
24. Januar 2022 - 13:39

67. Internationale Filmfestspiele Berlin – Berlinale 2017

Von Langweilern und Hinguckern

Ein Streifzug durch den Wettbewerb der Berlinale 2017


Viele Kritiker meinen, der Wettbewerb der diesjährigen Berlinale sei einer der schwächeren gewesen. Doch bei Betrachtung der letzten Jahrgänge kann man auch zu einer anderen Ansicht kommen. Alles ist relativ. Immerhin gab es dieses Jahr in der Primesektion eine gutes halbes Dutzend sehenswerter Filme zu sehen, was man bei genaueren Hinsehen und Erinnern für die letzten Jahre des Öfteren in Abrede stellen kann.

Gretchenfrage auch für 2017 bleibt dann, gab die aktuelle Produktion nicht mehr qualitativ Hochstehendes her, oder fehlt es den Kuratoren für den Wettbewerb an Urteilsstärke und Fortune? Nun, wir wissen nicht, was es alles unter den Tausenden eingereichten Filmen zu sehen gab. Oder vielleicht doch, denn eine ganze Reihe hochstehender Filme, die durchaus ein aufregenderes Wettbewerbsprogramm hätten gestalten können und den Zeitgeist bei weiten besser einfingen als so mancher „Langweiler” (klingt despektierlich, entspricht aber meiner Rezeption in den Vorführungen), fand sich in den anderen Sektionen, bei Panorama und Forum.

Ich nenne hier nur zwei Beispiele für sehenswerte Aufreger, die man sich durchaus im Wettbewerb hätte vorstellen können: Aus dem Forum „Casting” von Nicolas Backerbart, ein Schauspieler-Film, der neben einer amüsanten Selbstbespiegelung aus der eitlen Welt einer TV-Produktion einen ätzenden Kommentar zu Zustand und Akteuren der deutschen Produktionslandschaft abliefert.

Oder auch Raoul Pecks packender filmischer Erinnerungsessay über jüngere US-Geschichte aus afroamerikanischer Perspektive „I Am Not Your Negro” (Panorama), der in seinem retrospektiven Ansatz sicherlich aktueller und aufregender ist als Andres Veiels ehrenwerter Porträtfilm „Beuys”, obwohl ich zugestehe, dass ein Vergleich beider Filme sicherlich schwierig, wenn nicht sogar ein wenig unfair ist. Veiel hat aus 400 Stunden Archivmaterial über etliche Jahre der Sichtung, Einordnung und Komposition 120 Minuten herausgefiltert, die bei aller oder gerade wegen aller Verdichtung nicht selten für den heutigen unvoreingenommenen Betrachter erklärungsbedürftig bleiben, weil Beuys und das Archivmaterial neben ihrer Montage überwiegend für sich selbst sprechen sollen, trotz der Be- und Anmerkungen ausgewählter Zeitzeugen. Veiels pointierter Collage der vielen Kunst- und Gesellschaftsereignisse mit und um Joseph Beuys herum, seiner Happenings, seiner von Vermarktungsgespür geprägten künstlerischen Raffinesse, seines politischen Engagements, das den Kapitalismus benutzt und zugleich dessen Ende predigt, fehlt in letzter Konsequenz eine kenntnisreiche Einordnung des Präsentierten. Und ewig streiten die „Experten”, was einen Dokumentarfilm prägen bzw. ausmachen soll, das für sich filmisch montierte und für sich selbst sprechende Material oder die darüber hinausgehende Erklärung und Einordnung des Gezeigten.



„Beuys“ (Foto: Ute Klophaus / zeroonefilm / bpk / Ernst von Siemens Kunststiftung / Stiftung Museum Schloss Moyland)
Rauol Pecks kämpferische Erinnerungs(an)klage in „I Am Not Your Negro” macht von Anfang an seine Haltung klar. Hier wird unmissverständlich im Sinne einer aktuellen Bestandsaufnahme der Rassismus mit Hilfe herausragender historischer Beispiele beklagt, die unheilvoll bis ins Heute nachwirken, und daraus folgernd in einem brennenden politischen Appell die faktisch immer noch nicht zugestandene Gleichberechtigung der schwarzen Bevölkerung der USA gefordert. Das in beeindruckender Weise montierte, aussagekräftige Archivmaterial erweist sich dabei von solch einer schlagenden Aktualität, dass beim offenen Betrachter Verstand und Gefühl gleichermaßen beeindruckt werden. Anhand eines unveröffentlichten Manuskripts von James Baldwin über seine drei ermordeten Bürgerrechtsfreunde Malcolm X, Medgar Evers und Martin Luther King und Baldwins eigener Reflexionen über seine negativen Erfahrungen als Schwarzer beschreibt und analysiert der Film den trotz Obama bis heute noch nicht überwundenen US-Rassismus in all seinen schmerzvollen gesellschaftlichen Ausprägungen. Zu sehen ist eine glänzende zeitgeschichtliche Aufarbeitung, die aus einem visuellen Steinbruch von Filmausschnitten, TV-Berichten und Archivfotos zu schöpfen und agitieren weiß.



„I Am Not Your Negro“ – Bürgerwehr gegen Afroamerikaner (Foto: Berlinale)
Neben „Beuys” stachen die beiden anderen deutschen Filme im Wettbewerb nicht unbedingt heraus. Volker Schlöndorf zeigte seine ich weiß nicht wievielte Literaturverfilmung. Hat er außer Teilen von so genannten Omnibusfilmen je etwas was anderes verfilmt als literarische Vorlagen? Jetzt also nach „Homo Faber” mit „Rückkehr nach Montauk” die zweite Max-Frisch-Roman-Verfilmung. Sie soll amüsant gewesen sein. Das Publikum habe gelacht, wusste man mir zu berichten. Nun, man mag mich schelten, ich habe sie mir erspart. Vielleicht hätte ich stattdessen lieber folgenden Film auslassen sollen.

Einen der schwächsten Filme der Konkurrenz lieferte nämlich Thomas Arslan mit seinem Roadmovie „Helle Nächte”, in dem sich alle Stilmerkmale der (unsäglichen) Berliner Schule ausmähren dürfen. Eine Vater-Sohn-Geschichte, die handlungsarm eher ausführlich das norwegische Straßennetz abzubilden, denn auch nur im Ansatz die bewegende Geschichte einer Annäherung zu erzählen vermag. Der möglichen Filmerzählung, die den Zuschauer interessieren und mitnehmen könnte, steht ein vermeintlicher Stilwille entgegen, der mit all seinen nüchternen aber strengen Implikationen unfreiwillig fast ein „Antikino” erzeugt. Aber das wäre dann doch zu viel der Ehre für diesen Lustlosigkeit evozierenden Film.

Die Geschichte ist schnell erzählt. Der Vater (Georg Friedrich erhielt für seine konsequente Darstellung den Silbernen Bären) nimmt seinen bei der Mutter getrennt von ihm lebenden 14-jährigen pubertierenden Sohn (Tristan Göbel) mit ins mitsommerliche Nordnorwegen der Fjorde und Wälder, um Beerdigung und Nachlass seines ihm entfremdeten Vaters abzuwickeln. Anschließend geht es auf eine kombinierte Auto- und Wandertour durch die nordische Einsamkeit. Der Vater grantelt sich wortkarg und leise, aber immerhin seinem Sohn zugewandt und um ihn werbend, durch die qualvoll leeren Tage. Doch dieser ist fast bis zur Feindseligkeit misstrauisch und versucht, seine Unsicherheit miesepeterisch hinter zur Schau gestellter angeödeter Nonkommunikation zu verstecken. Der Höhepunkt des Films, wenn man hier denn überhaupt von einem Höhepunkt sprechen mag, ist mit einer minutenlangen Autofahrt (3 Minuten, gefühlt 15) erreicht. Immerhin in ihrer für heutige Zeiten ungewöhnlichen Länge schon ein Hingucker: in einer einzigen Einstellung durchs Frontfenster gefilmt auf den Serpentinen eines Fjells. Danach ist forsches Wandercampen angesagt, durch die karge Einöd der dortigen Natur, plus anschließendem Eklat. Man verrät nicht zu viel, weil es kaum etwas zu verraten gibt. Die sparsame Handlung findet auf dem Fjell ihre Entsprechung in der dürftigen Naturkulisse. Und so würde der Film fast ansteckend mit seiner schlechten Laune wirken, wenn der Zuschauer nicht schon früh gelangweilt jegliches Interesse an Geschichte und Personen verloren hätte. Von „minimalistischer Erzählweise” und „schlanker Story” sprach zutreffend aber schon fast zu euphemistisch eine Kritik. Aber vielleicht unterschätzt man auch die reinigende „Katharsis” eines solchen Films. Mit freiem Kopf kam man aus dem Festivalpalast.



„Helle Nächte“ – Vatertour (Foto: Schramm Film Koerner + Weber)
Wie man aus einer einfachen Geschichte einen herausragenden Film machen kann, zeigte Ildikó Enyedi aus Ungarn, die mit „On Body and Soul” den Goldenen Bären gewann. Zwei schon auf den ersten Blick einsam wirkende Menschen, die verschlossen ihren wenig abwechslungsreichen, grauen Arbeitsalltag in einem Budapester Schlachthaus verbringen, entdecken durch einen Zufall ihre Seelenverwandtschaft und werden trotz einiger Rückschritte schließlich ein Paar. Der Film spielt mit dem Kontrast zwischen dem banalen, fast grausamen tagtäglichen Einerlei und einer märchenhaften Traumwelt voller Sensibilität und Zärtlichkeit. Der blutigen Schlachthausroutine, in der der fließbandmäßige Tod nur eine normale Station in einem zweckmäßig durchorganisierten Arbeitsablauf ist und in dem die handelnden Personen scheinbar eher gleichgültig und abgestumpft, ohne Empathie für die zu tötenden Tiere ihre Funktion erfüllen, steht der utopische Zauber von Schutz, Fürsorge und Geborgenheit in den Träumen von Mária (Alexandra Borbély) und Endre (Géza Morcsányi) gegenüber.



„On Body And Soul“ – Traumbild (Foto: Berlinale)
Mária verrichtet als Lebensmittelprüferin ihre Arbeit höchst peinlich genau. Neben ihrer akkuraten Kontrollsucht fällt sie unter der Belegschaft besonders durch ihre selbst gewählte Isolation auf, die autistische Züge hat. Auch ihr Chef, der ältere, wenig attraktive und durch einen gelähmten Arm gehandicapte Endre, legt meist eine vorsichtige Zurückgezogenheit an den Tag, obwohl seine Führungsposition von ihm als Betriebsleiter doch eine andere Kommunikationsfähigkeit fordert. Das lange sehr spröde Verhältnis zwischen beiden ändert sich jedoch, als sie erstaunt feststellen müssen, dass sie jede Nacht einen identischen Traum durchleben, in dem Endre der Part eines Hirschen zufällt und Mária der seiner Hirschkuh. Diese sanfte, stille Vision spielt sich in einem von menschlichen Einflüssen unberührten verschneiten Märchenwald ab. Hier das starke, fürsorgliche, freie Fabeltierpaar, dort die geschundenen, dem Tode geweihten, allein gelassenen Kreaturen im Schlachthaus. Welch ein Reich für Traum- bzw. Filmdeuter.

Beinahe wäre mein Favorit für den Goldenen Bären der englische Film „The Party” von Sally Potter geworden, obwohl ich wusste, dass geschliffene Gesellschaftskomödien nicht gerade die idealen Kandidaten für den Hauptpreis in Berlin sind.



„The Party“ – mit Patricia Clarkson und Emily Mortimer (Foto: Berlinale)
Janet (Kristin Scott Thomas), die gerade einen Posten im britischen Schattenkabinett ergattern konnte, will diesen Höhepunkt ihrer politischen Karriere mit einer kleinen Party mit ihrem Mann Bill (Timothy Spall) und ein paar engen Freunden feiern. Nicht gerade überraschend nimmt die Party einen unerwarteten Verlauf. Sieben Personen, unter ihnen auch Bruno Ganz als gelassener Ironiker, brillieren in diesem zum Brexit passenden sehr britischen Kammerspiel um Freundschaft, Liebe, Betrug, Eifersucht, Tod, Politik und was es sonst noch so gibt in der oberen Mittelschicht Englands. Eine unvorhergesehene Wendung wird von der nächsten gejagt. Schlagfertigkeit heißt das Gesellschaftsspiel, in dem das Bonmont jederzeit seinen Anlass findet. Man ist linksliberal, aber eher, weil man es sich leisten kann, als aus innerer Überzeugung. Und so kann man keine der persönlichen Katastrophen, die ins Tragische zu kippen drohen und von denen es eine Reihe gibt, letztlich wirklich erst nehmen. Der Film arbeitet im hysterischen Gebaren seiner Personen und mit eifriger Rasanz seine komödiantische Einfälle und spritzigen Dialoge ab. Man fühlt sich glänzend unterhalten. Doch was bleibt nach diesem Feuerwerk? (Helmut Schulzeck)