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20. September 2020 - 21:14

68. Int. Filmfestspiele Berlin – Berlinale 2018: Special

Schlag nach bei Bradbury

„The Bookshop“ / „Der Buchladen der Florence Green“ (Isabel Coixet, Spanien/Großbritannien/Deutschland 2017)


„Kultur ist etwas für Amateure. Ich kann mir kein Verlustgeschäft leisten. Shakespeare war ein Fachmann”, meint Mr. Keble (Hunter Tremayne), Filialleiter der örtlichen Bank, zu Mrs. Florence Green (Emily Mortimer), als diese um einen Kredit verhandeln will. Dieser soll dazu dienen, ein vom Verfall bedrohtes Häuschen einigermaßen herzurichten, dort einzuziehen und darin eine kleine Buchhandlung zu eröffnen – die erste und einzige im feuchten Küstenstädtchen Hardborough in Suffolk.


(Filmstill: Emily Mortimer, Foto: Lisbeth Salas)
Florence Green ist Kriegswitwe und leidet auch nach eineinhalb Jahrzehnten noch unter dem Verlust ihres Mannes. Doch da allein ihre Erinnerungen und die Liebe zu Büchern ihr Trost und Zuversicht spenden, lässt sie sich nicht davon abbringen, ihren Traum wahr zu machen. Und tatsächlich eröffnet sie mit unermüdlicher Einsatzbereitschaft schließlich ihr Bücherreich „The Old House Bookshop“. Und macht sich im Ort damit längst nicht nur Freunde: Schließlich hatte sich die wohlhabende Lady Violet Garmart (verschlagen: Patricia Clarkson) das Haus eigentlich ausgeguckt, um darin ein regionales Kunstzentrum zu eröffnen. Und auch der Florence umschwänzelnde Milo North (die personifizierte Falschheit: James Lance) kommt ihr bald schon zwielichtig vor. Der alleinstehende Edmund Brundish (very British: Bill Nighy) hingegen zeigt sich über die Literatur nach und nach als Seelenverwandter, und mehr als das. Und mit der naseweisen Christine (Honor Kneafsey), einer der unzähligen Töchter der bildungsfernen Familie Gipping, hat Florence im Laden eine tatkräftige Helferin – wenn auch Christine mehr auf Mathe und Erdkunde steht als auf Bücher, wie das Mädchen gleich zu Beginn klarstellt.

Die literarische Vorlage des Films ist der 1978 erschiene gleichnamige Roman der englischen Schriftstellerin Penelope Fitzgerald (1916–2000), der sogar auf die Shortlist des wichtigsten britischen Literaturpreises Booker Prize gelangt war: ein Buch, das die Liebe zu Büchern feiert. Regisseurin Isabel Coixet hat sich acht, neun Jahre lang mit dem Stoff beschäftigt, bevor sie das Drehbuch verfasste. Die Spanierin schwärmt von Emily Mortimer und Patricia Clarkson: Sie habe als Regisseurin alles laufen lassen können; das Ensemble habe die Charaktere ganz von sich heraus entwickelt.

Ensemble, Ausstattung und Szenerie schaffen tatsächlich eine Bilderbuch-Inszenierung der miefigen, spießigen ostenglischen Kleinstadt in den späten 50er Jahren, in der jede(r) über jede(n) alles zu wissen – und besser zu wissen – glaubt und sämtliche Rollen in der lokalen Hierarchie klar verteilt sind. Jede geblümte Bluse sitzt genauso perfekt wie die stichelnden Bemerkungen auf den Gesellschaften, zu denen Florence eingeladen wird. Aber bald mischt die an sich brave Witwe das wohlgeordnete Hardborough gründlich auf, indem sie Neuerscheinungen wie Ray Bradburys „Fahrenheit 451“und Vladimir Nabokows „Lolita“ einführt, die sich noch dazu gut verkaufen. Florence fühlt sich erstmals seit dem Tod ihres Mannes nicht mehr allein – nicht, weil sich eine zarte Romanze mit dem bärbeißigen Edmund Brundish entwickelt, sondern weil ihre geliebten Bücher sie umgeben. Doch das Wasser im Keller des Hauses steigt, genauso wie die Anzahl der Neider. Wird der Buchladen der Florence Green eine Zukunft haben?

Jean Claude Larrieu hinter der Kamera, mit dem Isabel Coixet bereits zum achten Male zusammenarbeitete, hat wunderschöne Bilder des Küstenfleckens samt felsiger Umgebung eingefangen – genau genommen zu schön, um wahr zu sein, denn in der angeblich so niederschlagsreichen Küstengegend regnet es im Film kaum. Die genießerischen Kameraschwenks und die liebevolle Konzentration auf die hübsch gestalteten Szenen und Interieurs können auch nicht über einige dramaturgische Längen hinwegtäuschen. Selbst, wenn der Zuschauer die leisen Töne zu schätzen weiß, ist das Setting insgesamt sehr gefällig, und es breitet sich sogar Langeweile aus. Allerdings machen die letzten drei Minuten den Film wieder neu sehenswert. Und das nicht nur, weil noch einmal festgestellt wird, „wenn du dich mit Büchern umgibst, bist du nie allein“. In Deutschland kann sich jeder seine eigene Meinung bilden, denn „Der Buchladen der Florence Green“ wird am 10. Mai 2018 in den Kinos anlaufen. (gls)