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Letztes Update:
22. Januar 2020 - 12:31

68. Int. Filmffestspiele Berlin – Berlinale 2018: Wettbewerb

Das zweite Gesicht

„Twarz“ / „Mug“ (Małgorzata Szumowska, Polen 2018)


Willkommen im Kapitalismus! Bei einem Schlussverkauf in einem Warenhaus irgendwo in Polen stürzen sich splitterfasernackte Kunden und Kundinnen wie wahnsinnig auf die Grabbeltische. Alles klar, wir befinden uns im demokratischen Polen der Nach-Wendezeit. Das Volk hat frei gewählt, und zwar den Konsum.

Nach diesem Prolog geht es auf‘s Land, wo noch echte Werte zählen: Die Familie hält zueinander, man weiß, was gut und was böse ist. Und sollte man doch einmal zweifeln, weiß der Pfarrer im Beichtstuhl, wo‘s langgeht. Jacek (Mateusz Kościukiewicz) mit seiner Rockerjacke und Heavy Metal-Leidenschaft passt vielleicht nicht perfekt in dieses Milieu, aber er kennt es von klein auf und stört sich nicht groß dran. Er will sowieso irgendwann nach England gehen. Dann verliebt er sich in Dagmara (Małgorzata Gorol), die zwar nicht aus demselben Kaff kommt, aber in der Dorf-Disco problemlos alle aufreißt. Und Dagmara liebt ihn. Gemeinsam brüllen sie coole Sprüche von einem Aussichtspunkt aus in die malerische Gegend, düsen mit durchgedrücktem Gaspedal über Feldwege und planen ihre Hochzeit. Schließlich ist Jacek kein armer Schlucker, denn er arbeitet auf der Baustelle der zukünftig höchsten Christus-Statue weltweit. Es steht schon fast alles, nur der Kopf muss noch aufgesetzt werden. Rio de Janeiro war gestern.


(Filmstill/Foto: Bartosz Mronzowski)
Doch dann hat Jacek einen Arbeitsunfall, als er von einem Baugerüst in das Innere der Statue stürzt. Er überlebt und wird über Monate wieder zusammengeflickt, aber sein Gesicht kann nicht gerettet werden. Eine Herausforderung für die Chirurgie: An Jacek wird die landesweit erste Gesichtstransplantation vorgenommen – zwar mit Erfolg, aber wo vorher ein hübscher junger Mann mit Vokuhila-Frisur war, ist jetzt ein entstellter Typ mit Teddy-Tolle, der sich kaum verständlich artikulieren kann. Seine Mutter zweifelt daran, dass es sich tatsächlich um Jacek handelt, Dagmara wendet sich besser aussehenden Typen zu, nur Jaceks Schwester Iwona (Agnieszka Podsiadlik) hält zu ihm. Und navigiert ihn durch ein Dickicht medialer Sensationsgier, vermeintlicher Unterstützung durch die Kirche und ihre wohlmeinenden Anhänger sowie versicherungstechnischer und arbeitsrechtlicher Bürokratien.

Bei so viel Drama und Dramatik ist es bemerkenswert, dass „Twarz“ – was auf Polnisch nichts anderes als „Gesicht“ bedeutet, aber mit dem englischen „Mug“ zur „Visage“ wird – sich gekonnt zwischen Gesellschaftssatire und Drama bewegt. Regisseurin Małgorzata Szumowska und Kameramann Michał Englert haben in jahrelanger Zusammenarbeit gemeinsam das Drehbuch geschaffen. Für das Polen von heute, um das sich die Geschichte dreht, hat Michał Englert aller Satire zum Trotz mit der Kamera wunderbare Bilder eingefangen: Malerische Landschaftspanoramen sind ebenso vertreten wie bezaubernde Märchen- und Traumsequenzen – und das ganz unangestrengt. Es sollte kein ausschließlich realistischer Film werden, sondern einer voller Symbolik und Ironie, darin ist sich das eingespielte Team Szumowska und Englert einig. Und mit den Konzepten ihres Teamworks hatten beide stets Erfolg – was u.a. die zahlreichen Auszeichnungen belegen, so z.B. der Teddy Award für den Besten Spielfilm 2013 für „In the name of …“ und der Silberne Bär für die Beste Regie 2015 für „Body“.

Neben aller Fiktion ist in „Twarz“ allerdings auch das reale Zeitgeschehen massiv vertreten: So ist die höchste Christus-Statue der Welt keine der Story dienliche Erfindung, sondern wurde tatsächlich 2010 in der Nähe der Stadt Świebodzin in West-Polen errichtet. Auch die Gesichtstransplantation hat eine reale Parallele. Und dass die Teufelsaustreibung, der sich Jacek nach Meinung seiner tiefgläubigen Mutter zu unterziehen hat, keine bloße Drehbuchfantasie ist, belegt nicht zuletzt eine Unzahl polnischer Exorzismus-Videos auf Youtube.

Wie sehen wir uns und andere? Und wie werden wir gesehen, und warum? Um diese universellen Fragen kreist „Twarz“, und Szumowska betont, dass es ihr längst nicht nur um die polnische Gesellschaft geht. Identität betrifft eben alle – so abgegriffen der Begriff klingen mag.
Auch bei der Jury der Berlinale fand „Twarz“ erfreulicherweise soviel Anklang, dass er mit dem Silbernen Bären – Großer Preis der Jury ausgezeichnet wurde. Und am 6. April läuft der Film in Polen an. Da sollte man eigentlich unbedingt dabei sein. (gls)