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Letztes Update:
24. Januar 2022 - 13:39

68. Internationale Filmfestspiele Berlin – Berlinale 2018

Kino irgendwo zwischen Kunst und Langeweile, verkopft bis ansehnlich

Ein Streifzug durch den Wettbewerb mit Schwerpunkt auf den deutschen Filmen


Die 68. Berlinale ist mal wieder ihrem Ruf treu geblieben, etliche gute Filme in den Nebenreihen fast zu verstecken und den Wettbewerb dafür über geraume Strecken mit ausgewählter Standardkost und einigen Langweilern zu bestücken.

Als Kontrapunkt dazu kann man die sehr umstrittene Entscheidung der Wettbewerbsjury sehen, „Touch Me Not“ der rumänischen Regisseurin Adina Pintilie mit dem Goldenen Bären auszuzeichnen. Sie mischte zum Schluss Meinungsbild und Diskussion über den Wettbewerb noch einmal kräftig auf. Jurypräsident Tom Tykwer hatte schon zu Beginn des Festivals auf „wilde und sperrige“ Filme gehofft. Dass man nun unbedingt „wilde Filme“ im Wettbewerb sehen konnte, soll hier bestritten werden. Die Attribute brav bis langatmig trafen für manchen Film schon eher zu. Sperrig hingegen war nicht nur der Hauptpreisträger, obwohl dieser mit seinen exzessiven Sex-Szenen doch für viele Kritiker und Zuschauer zur Zumutung wurde. In diesem Zusammenhang fielen dann aber auch die Begriffe „Forschungsprojekt“, „therapeutisches Experiment“, „Versuchanordnung“ und „laborartig“, die der Einladung des Films, zusammen mit einer asexuellen Protagonistin in loser Folge aneinandergereihte „Körperspiele“ zu betrachten sowie paartherapeutische Sitzungen zu verfolgen, fast einen nüchtern wissenschaftlichen Anstrich gaben und damit die Drastik des Gezeigten euphemistisch bemäntelten.


Laura Benson in „Touch Me Not“ (Foto: Manekino Film / Rohfilm / Pink / Agitprop / Les Films de l’Etranger)
Nach Tykwers Worten hat die Jury sicherlich nicht den besten Film ausgezeichnet, dafür aber einen, „der die Grenzen des Kinos erweitert, angesiedelt irgendwo zwischen Utopie, Dokumentation und bildender Kunst“. Diese verstiegen verkopfte Behauptung taugt als Rechtfertigung nur bedingt, nicht den nach Ansicht der Jury besten Film des Wettbewerbs ausgezeichnet zu haben, sondern lässt auch vermuten, dass doch einige Meinungsverschiedenheiten in der Jury bestanden. Alles in allem nimmt es dann auch wenig Wunder, dass heftige Kritik nicht nur über die Preisentscheidung, sondern aus oben genanten Gründen auch über die Filmauswahl des Wettbewerbs an sich losbrach. Zitiert sei hier nur als Beispiel der Londoner Guardian, der gnadenlos über Sieger und Berlinale urteilt: „Der flache, dumme Gewinner des Goldenen Bärens ’Touch Me Not’ ist eine Katastrophe für das Festival. Der Sieg für Adina Pintilies humorlosen und ungeschickten Dokumentations-Essay unterstreicht Berlins Status als Festival, das das Langweilige und Wertlose fördert.“ Und weiter unten zornig: „Es ist oft ein exzentrisch charakterloses Festival, das grandiose Filme in seinem Programm versteckt hat, Filme, die es zu entdecken gilt, im Großen und Ganzen nicht in seinem offiziellen Wettbewerb. Es ist ein Festival, das es irgendwie schafft, die dümmsten und wertlosesten Filme in seiner Programmierung zu promoten, und die guten Sachen fast aus Versehen preis zu geben.“

Dennoch: Drei der vier deutschen Filme im Wettbewerb konnten sich durchaus sehen lassen, allen voran „3 Tage in Quiberon“ von Emily Atef mit einer glänzend aufgelegten Marie Bäumer als Romy Schneider, die in ihrer Rolle spielerisch das bipolare Verhalten ihrer Figur trifft. Auf der einen Seite die schon zu Lebzeiten legendäre Romy Schneider, die kaum noch deutsche Interviews gibt, weil sie selbst nach Jahrzehnten von der deutschen Presse immer noch als die ewige „Sissi“ verkannt und sich damit gebrandmarkt sieht, dazu sich im Privatleben als Partnerin von Alain Delon und anderen nicht nur von der Klatschpresse bedrängt und beschädigt fühlt und deshalb um Distanz bemüht ist. Auf der anderen Seite, die hier beinahe hingebungsvolle Beichtende, die ohne Bedenken scheinbar naiv und offen ihr zerstörtes Leben einem frech und einigermaßen skrupellos fragenden Reporter preisgibt.


Marie Bäumer als Romy Schneider in „3 Tage in Quiberon“ (Foto: Rohfilm Factory / Prokino / Peter Hartwig)
Für das Interview mit dem Sternreporter Michael Jürgs, 1980 an drei Tagen in einem Kurhotel an der bretonischen Küste geführt, kehrt Romy Schneider ihr Innerstes nach außen, in schonungsloser Offenheit, die an Selbstzerstörung grenzt. Dabei ist sie sowohl psychisch labil und verhuscht als auch souverän mit starker natürlicher Präsenz. Bäumers Romy bringt diese Gegensätze glaubhaft auf den Punkt, begleitet von einem nüchtern kalkulierenden Jürgs (Robert Gwisdek) und dem jovialen Fotografenfreund Robert Lebeck. Charly Hübner spielt den Lebeck so, wie man Hübner noch selten, wenn überhaupt, gesehen hat. Selbstsicher strahlt er eine freundliche Ruhe aus, wie ein Fels in emotionaler Brandung. Die Paarkonstellation vervollständigt Romys „Busenfreundin“ Hilde Fritsch (Birgit Minichmayr), die vergeblich versucht, ihre berühmte Freundin vor dem „Schlimmsten“ zu bewahren. Dieses großartig besetzte Quartett schafft es spielend, dem handlungsarmen Drehbuch von Regisseurin Atef, das überwiegend von Romys Seelenschau lebt, Kraft und Dramatik einzuhauchen.

Der Film macht zwangsläufig auch das, was er beklagt: Er beutet das Leben Romy Schneiders aus – und sei es nur für diese kurze Zeitspanne in der Bretagne. Sein Stoff wirkt auch deshalb so interessant für heutige Zuschauer, weil Romy schon damals für dieses Interview das macht, was ein sehr großer Teil nicht nur der hiesigen Gesellschaft heutzutage tagtäglich mit großer Selbstverständlichkeit tut, sei es über Facebook, Instagram, Twitter oder andere Social Webs. Sie gibt sich der Öffentlichkeit preis, veröffentlicht persönliche Dinge auf Kosten des Schutzes der eignen Privatsphäre, trägt ihren Alltag, ihre Gedanken, ihr Seelenleben narzisstisch angehaucht zu Markte und schafft damit zugleich ein oft auch geschöntes, wenn auch brüchiges Image ihrer selbst.

Christian Petzold wagt sich an eine Literaturverfilmung, an Anna Seghers’ Flüchtlingsgeschichte „Transit“ und findet auf eine zentrale Herausforderung der Geschichte, nämlich ob man die Gedanken der Hauptperson vermitteln muss und wenn ja, dann wie, und ob man darüber hinaus manche Dinge erläutern muss, keine andere Lösung, als eine quasi Erzählerperson im Off einzuführen. Was dabei herauskommt, könnte man ironisch auch als einen Versuch bezeichnen, mit Hilfe eines Erkläronkels einem barrierefreien Hörfilm für Sehschwache und Blinde zu schaffen. Dieser Erkläronkel ist beinahe allwissend, kann uns alle Gedanken des Flüchtlings Georg immer passend zu den jeweiligen Geschehnissen übermitteln, weil der Protagonist ihm alles – wann auch immer – erzählt haben soll. Außerdem beschreibt der Erzähler manche Ereignisse als Augenzeuge. Wer und wo nun dieser Erzähler ist, wird erst kurz vor Schluss aufgedeckt, als er als handelnde Person im Film(bild) auftaucht.


Paula Beer und Franz Rogowski in „Transit“ (Foto: Schramm Film / Marco Krüger)
Manche lobten Petzolds Stilmittel, das nach zehn Minuten, wie ein unfilmischer Fremdkörper aufdringlich in die Handlung einbricht und mit dem ich mich bis zum Filmende nicht anzufreunden vermochte, als kluge, der literarischen Vorlage gerecht werdende Erzähllösung. Mir hingegen verdarb der ständige Off-Sprech, der halb wie ein innerer Monolog, halb wie ein auktorialer Erzähler daher kommt, den Filmgenuss. Denn die Geschichte war ganz interessant. Und besonders Franz Rogowski, dessen stoische Art, sich die Hauptfigur des Georgs anzueignen, war sehenswert. Auch die Idee, eine Flüchtlingsgeschichte aus dem von Nazi-Deutschland besetzten Frankreich der 1940er Jahre in das heutige Marseille zu versetzen, war zumindest reizvoll, wenn auch nicht immer ganz schlüssig bzw. gelungen (Georg ist Radio- und Fernsehtechniker, und ein Kreuzfahrtriese wird „mit Mann und Maus“ ohne Überlebende durch eine einzige Mine versenkt). Auch die Personenkonstellation bietet genügend Raum für ein Wechselspiel der Gefühle und daraus folgender Taten und umgekehrt. Im Hoffen und Warten auf eine endgültige Rettung der Exilanten, die sich durch die Flucht im letzten Moment auf einem Schiff nach Mexiko realisieren soll, entspinnt sich eine Dreiecksgeschichte, die sich ständig wendet und so die Zuschauer durch Unerwartetes binden soll.

Man könnte meinen, dass Wesen, Erscheinung und Auftreten von Franz Rogowski, auch Hauptdarsteller in Thomas Stubers „In den Gängen“, haargenau zu seiner Rolle des schweigsamen und gleichmütigen Christian passen. Christian, der meist nur wenig von sich preisgibt und meistens nur dann, wenn es unbedingt nötig scheint, fängt als Arbeiter in einem Großmarkt in der ostdeutschen Provinz an, füllt die Regale auf und lernt, mit dem Gabelstapler zu arbeiten. Schon an seinem ersten Arbeitstag kommt er zu Bruno (Peter Kurth), der schon bald zu seinem väterlichen Mentor und freundschaftlichen Kollegen wird. Und da ist noch die unglücklich verheiratete Marion (Sandra Hüller), in die sich Christian schnell „verguckt“. Langsam und unspektakulär erzählt dieser eigentlich eher kleine Film die Geschichte dreier psychisch verwundeten Menschen, die im Privaten mehr schlecht als recht ihren Platz behaupten, bei ihrer Arbeit in den Gängen zwischen den hallenhohen Regalen dieses Konsumlagers aber so etwas wie einen Schutzraum finden. Alle sind sie im Grunde genommen Einzelgänger, die ihre Einsamkeit für die Zeit ihrer Arbeit im kollegialen Miteinander begrenzt überwinden. „In den Gängen“ ist ein leiser Film, der hinter der vordergründigen Einordnung der Waren mit dem Gabelstapler die oft vergebliche Einordnung der Lebensdinge mit dem Herzen thematisiert. Denn letztlich gibt es hier, wenn überhaupt, nur kleine Siege, trotz aller Sehnsucht, trotz allen Hoffens. Eine potentielle Romanze hat nur eine limitierte Chance, muss sich auf Pausenflirts an der Kaffeemaschine bescheiden. Kaschierte Einsamkeit endet in letaler Resignation.


Sandra Hüller und Franz Rogowski in „In den Gängen“ (Foto: Sommerhaus Filmproduktion / Anke Neugebauer)
Skeptische Kritiker ließ allein schon der Filmtitel „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“ unken, dass da etwas Anstrengendes an diesem himmelblauen Berliner Wintermorgen in der Pressevorführung im Festivalpalast ab 9 Uhr auf uns zukommen würde. Und tatsächlich erweist sich der Filmtitel aufregender als in weiten Strecken dieses 174 Minuten langen Films von Philip Gröning. Entschleunigung kann etwas sehr Entspannendes haben, auch im Film. Der Zuschauer kann z.B. dazu verführt werden, sich Bildern, Filmgedanken und anderem mehr in aller Ruhe – wenn nicht sogar meditativ – hinzugeben. Beobachten kann dann unter Umständen zu einem einträglichen Genuss gedeihen. Leider gönnt uns Regisseur und Drehbuchautor Gröning einen solchen Genuss nicht. Sein Film bemüht sich hingegen von Anfang an, die Zeit enervierend zu zerdehnen. Der Katalogtext meint dazu: „Das subjektive Zeitempfinden der Zwillinge bestimmt den Rhythmus des Films.“


Josef Mattes und Julia Zange in „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“ (Foto: Philip Gröning)
Nicht nur durch Grönings stetiges Bemühen, seine von einem Zwillingspärchen durchexerzierten philosophischen Weisheiten von Heidegger & Co. über das Phänomen Zeit in Bildgestaltung, Schnitt und Nicht-Handlung zu exemplifizieren, entstand bei vielen Zuschauern Langeweile, die sie über kurz oder lang aus dem Festivalkino trieb. Meine aufgebrauchte Geduld veranlasste schließlich auch mich, in Filmminute 80 den Berlinale Palast zu verlassen. Die Handlung, wenn man das denn so nennen mag – vielleicht sollte man besser sagen, Müßiggang, Dialoge und Lektüre der Philosophiebücher und -aufzeichnungen sowie spätpubertäres Gerangel der Zwillinge – findet an einem Sommerwochenende auf einem Kornfeld, einer darin angrenzenden Tankstelle und einem benachbarten Waldsee statt.

Robert hilft seiner Zwillingsschwester Elena beim Lernen auf die am Montag anstehende Abitursprüfung in Philosophie. Kindische, symbiotische Kabbeleien, bei denen die beiden körperlich nicht von einander loskommen können und die einen Hauch von Inzest-Ahnung aufkommen lassen, Bierholen von der Tanke und anderes unterbrechen das Lernen. Man hat bisweilen das Gefühl, alles würde in Echtzeit geschehen. Gegen Schluss soll es dann doch noch zum Inzest und zum Mord an einem Angestellten der Tankstelle kommen. Es bleibt trotzdem sehr zweifelhaft, dass das den Film noch retten kann. Der Festivalkatalogtext spricht davon, dass Gröning die Zeit des Umbruchs an der Schwelle zum Erwachsenenwerden beschreibt. Sicherlich wollte er das. In meinen Augen ist es beim Wollen geblieben, jedenfalls, was die ersten 80 Minuten betrifft.

Der beste deutsche Film, den ich auf dem Festival sah, lief typischerweise (siehe oben) natürlich nicht im Wettbewerb, sondern in der Sektion Berlinale Special. „Das Schweigende Klassenzimmer“ (Regie: Lars Kraume) erzählt die packende Geschichte eines kleinen, harmlosen Schülerprotests in der DDR während des Ungarn-Aufstands 1956, der von Schulbürokratie und -politik zum Staatsvergehen aufgeblasen wird, an dem die Schüler aber nicht zerbrechen, sondern nach solidarischer Gegenwehr als moralische Sieger hervorgehen. Ein starker Film mit spannender Handlung, stringent inszeniert mit guter Schauspielern. So etwas hätte in den Wettbewerb gehört, war den Kuratoren für den Wettbewerb aber vielleicht zu massenkompatibel und ein zu eindeutig schnörkelloses Erzählkino, ohne intellektuelle Verrätselung und Kunst-Wollen.


Jonas Dassler, Leonard Scheicher, Lena Klenke, Isaiah Michalski, Tom Gramenz in „Das schweigende Klassenzimmer“ (Foto: Studiocanal GmbH / Julia Terjung)
Die besten zehn Filmminuten des Wettbewerbs erlebte ich in dem Film „Damsel“ von David und Nathan Zellner mit Robert Pattison. In der Eingangsszene dieser Western-Parodie sitzen zwei abgerissene Gestalten auf einer Bank in der Einöde zwischen Bergland und halbwüstenartiger Prärie und warten auf die Postkutsche, die wahrscheinlich niemals kommen wird. Der eine ist Prediger, der desillusioniert den Westen verlassen will. Der andere hat im Osten Frau und Kind verloren und will im Westen einen Neuanfang wagen. In einer urkomischen Szene belehrt der Prediger das Greenhorn.


Mia Wasikowska und Robert Pattinson in „Damsel“ (Foto: Strophic Productions Limited)
Dabei kommen die üblichen Western-Klischees zur Sprache, bis der an seinem Schicksal verzweifelnde Prediger seine stark lädierte Bibel dem anderen vor die Füße wirft, sich seine Kleider bis auf die lange Unterwäsche vom Leibe reißt und schreiend in die Pampa läuft. Den temperamentvollen Abschluss bildet eine hinreißende Tanzszene mit Robert Pattison und Partnerin, so dass ich begeistert dem Weiteren entgegensah. Was folgt, ist leider der übliche Western-Komödien-Quark, der mit einer absurden Geschichte und z.T. besonders drastischen Szenen zu punkten versucht und dabei nur belegt, dass die Zellner-Brüder eben nicht die Coen-Brüder sind. (Helmut Schulzeck)