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2. August 2020 - 10:52

70. Internationale Filmfestspiele Berlin – Berlinale 2020

On Transmission:

Trau keinem über dreißig

„En kärlekshistoria / A Swedish Love Story“ (Schweden 1970, Roy Andersson)


Beim 70. Jubiläum eines Filmfestivals bietet es sich an, den Bogen vom Früher zum Heute zu schlagen, und das natürlich durch die Filmemacher selbst. So wurde für die diesjährige Berlinale das Sonderprogramm On Transmission erdacht, in dem sieben Filmschaffende durch den neuen Künstlerischen Leiter der Berlinale Carlo Chatrian aufgerufen wurden, jeweils eine*n Filmschaffende*n auszusuchen „dem/der sie sich verbunden fühlen und mit dem/der sie über Film und Kino sprechen wollen“. Und nicht nur das: Zusätzlich zu diesen Gesprächen sollten in der Akademie der Künste dementsprechend insgesamt 14 Film-Screenings mit Werken dieser „Duos“ stattfinden.

Die 1986 geborene schwedische Filmemacherin Niki Landroth von Bahr – mit ihren preisgekrönten Animations-Kurzfilmen mehrfach Gast der Berlinale und weiterer namhafter internationaler Filmfestivals – hatte als Sparringpartner einen wichtigen Mitgestalter der schwedischen Kinogeschichte erwählt: Roy Andersson, als Regisseur und Drehbuchautor u.a. Gewinner des Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen in Venedig 2014 für „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“. Andersson, 1943 geboren, schuf mit „Eine schwedische Liebesgeschichte“ – so der deutsche Titel – mit gerade 26 Jahren nach dem Abschluss des Studiums an der neu gegründeten Filmschule des Schwedischen Filminstituts seinen ersten Film in Spielfilmlänge. Die blutjungen Schauspieler Rolf Sohlman und Ann-Sofie Kylin spielen darin zwei Teenager, die in schönstem schwedischem Sommer ihre erste Liebe erleben. Der Film wurde 1969 gedreht und lief 1970 im Wettbewerb der Berlinale.

Pär (Sohlman) und Annika (Kylin) treffen an einem Sommertag im Cafégarten eines Krankenhauses aufeinander, in dem sie mit ihren Familien einen jeweiligen Großelternteil besuchen. In der Schlange zur Kuchentheke werfen sie sich verstohlene Blicke zu. Pär ist für seine 15 Jahre ziemlich muskulös und hat wilde blonde Locken. Annika ist erst 13, hat ein bildhübsches, zartes Gesicht und trägt zeitgemäß Minirock. Braungebrannt wie sie sind, schließen sie lückenlos und nicht ganz un-stereotyp an die Vor-Kurzem-noch-Kinder aus Bullerbü, Vimmerby und die Kalle-Blomqvist-Romane an. Rein zufällig treffen sich die beiden Tage später in Stockholm wieder, und los geht‘s mit der gesamten Skala an Seligkeiten und Unmöglichkeiten des Verliebtseins: Zwar haben beide nur Augen füreinander, aber die eigene Schüchternheit, Unschlüssigkeit und Inkonsequenz zuzüglich einiger Missverständnisse machen die Lage ganz schön kompliziert. Pärs Jungs-Freunde klopfen Sprüche, Annika schüttet einer Vertrauten ihr Herz aus, es werden Vermittler eingeschaltet, und tatsächlich kommen die Königskinder irgendwann zueinander. Happy End und Glückseligkeit?


Ann-Sofie Kylin und Rolf Sohlman in „En kärlekshistoria“ (Foto: Walter Hirsch / Studio 24)
Dass das Genre Film im „Volksheim“ Schweden der 60er-/70er-Jahre gern eine sozialrealistische Perspektive bietet, bleibt auch in Anderssons Erstling nicht aus. Während Pär aus dem Arbeitermilieu stammt und von den Automechaniker-Kollegen seines Vaters nicht nur robuste Ratschläge in Liebesdingen erhält, sondern auch sein Moped zu reparieren lernt, gehört Annikas Familie zur Mittelschicht. Als Vertreter für Kühlschränke (!) ist ihr Vater allerdings nicht allzu hoch hinausgekommen; ob seine Frau tatsächlich „nicht zu arbeiten braucht“ oder eher wegen ihrer Depression zu Hause bleibt, wird nicht ganz deutlich. Die Atmosphäre im trauten Heim lässt jedenfalls zu wünschen übrig.

Der Sommer geht weiter; Pär darf bei Annika übernachten, während ihre Eltern ausgehen. Die Jugendlichen spielen Gitarre, essen Schnittchen, schlürfen Sherry, unterhalten sich linkisch und entdecken sich mit zarter, natürlich inszenierter Erotik. Es ist keine Rede davon, dass es peinlich sein könnte, ertappt zu werden – stattdessen vertraut Eva, Annikas Tante, die unerwarteterweise hereinschneit, ihrer Nichte bei nächster Gelegenheit ihre zahllosen Beziehungsprobleme an.

Sollte jemand damit rechnen, dass ein solches Werk aus dem ach so freizügigen Schweden in einer Erotikschnulze oder in einem zeitgemäßen Aufklärungsfilm, geschweige denn – eingedenk der gesellschaftlichen Motivik – in ein Drama a la „Romeo und Julia“ mündet, dann irrt er oder sie, denn Andersson hat einen ganz anderen Spannungsbogen parat. Höhepunkt des Films ist eine schwedische Institution: das Krebsfest, zu dem Pärs Eltern Annikas Eltern und einige Freunde Ende August in ihr Sommerhaus einladen. Dass dies zu einem Fiasko wird, liegt nicht nur am Alkohol, sondern an den samt und sonders „gestörten“ Erwachsenen, von denen offenbar keine*r wirklich mit seinem oder ihrem Leben klarkommt. Wohlfahrtsstaat hin und her: Trau keinem über dreißig.

Auch eine – unfreiwillig – film- und festspielhistorisch markante Rolle kommt Roy Anderssons sommerlicher Liebes-Dramödie zu: „Eine schwedische Liebesgeschichte“ lief ausgerechnet im Wettbewerb der Berlinale, die aufgrund eines Eklats u.a. um Michael Verhoevens Film „o.k.“ vorzeitig abgebrochen werden musste, da die Jury zurücktrat. Es wurden keine „Bären“ vergeben. Im darauffolgenden Jahr wurde dann erstmalig das „Gegenfestival“, das Internationale Forum des jungen Films, in die Berlinale integriert.

Nichtsdestotrotz wurde „Eine schwedische Liebesgeschichte“ in Berlin 1970 mit vier (!) spezifischen Preisen und „daheim“ mit dem Schwedischen Filmpreis Guldbagge ausgezeichnet. Andersson konnte an diesen Erfolg als Filmregisseur aber zunächst nicht mehr anknüpfen und arbeitete viele Jahre lang hauptsächlich als Werbefilmer. Bei der Berlinale 2020 ist er, inzwischen fast 77 Jahre alt, per Video zugeschaltet und betont – wenig überraschend –, was für eine wesentliche Rolle dieser erste eigene Langfilm in seinem Schaffen gespielt habe. Das Gespräch mit der Regisseurin Niki Landroth von Bahr musste übrigens ausfallen, da die Zeit durch einen Feueralarm und die erforderliche Räumung des Kinosaals nicht mehr ausreichte. Aber so konnten der Zauber eines Sommers in Schweden und die schräge Normalität von Profilneurotikern mittleren Alters ungezügelt nachwirken. (gls)