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Filmkultur Schleswig-Holstein e.V.



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Letztes Update:
31. August 2019 - 20:35

23. Filmfest Schleswig-Holstein 2019 – Begleitprogramm LUSCHERN

Das Lächeln einer Fiebernacht

„All My Loving“ (D 2019, Edward Berger)


Familie ist ein komplexes Gefüge. Es gibt Allianzen und Hierarchien. Es gibt den Drang, wenn nicht gar Zwang zur Harmonie. Gleichzeitig kennt man sich viel zu gut, um sich wirklich etwas vormachen zu können. Es ist ein Halt und gleichzeitig ein dauerndes Gefängnis, aus dem es lediglich Freigang gibt.
Stefan (Lars Eidinger), Julia (Nele Müller-Stöfen) und Tobi (Hans Löw) sind die drei Geschwister, denen „All My Loving“ folgt. Alle um die Vierzig, alle selbst Eltern, alle unterschiedlich beschädigt. Obwohl sie ihr eigenes Leben führen, sind sie in eine höchst wirksame hierarchische Konstellation verstrickt – nicht umsonst wählt das Drehbuch für den Tobi, den jüngsten, die Verniedlichungsform.

Wenn Stefan, der Pilot, an der Bar eines Sternelokals sitzt und auf seine Geschwister wartet, verströmt er die Gelassenheit des Auskenners. Er fühlt sich hier wohl, ist offenbar nicht zum ersten Mal hier. Wenn sein Bruder eintrifft und sie zum Tisch geführt werden, schlendert Stefan, während sich Tobi aklimatisieren muss: „Warum treffen wir uns denn hier?“ Julia kommt dazu, erzählt von einem anstehenden Turin-Urlaub, und was bisher unterschwellig war, wird jetzt offenbar: Julia fühlt sich beobachtet, bedrängt, bewertet. Tobi sagt: „Das freut mich“, und sie ist empört über seine Herablassung. Auch die Bestellung katalysiert die Spannungen. Stefan bestellt Wein und Horsd’œuvres, Julia lehnt alles ab, Tobi zögert – hier ist alles teuer. Und Stefan übersieht das Problem, indem er demonstriert, dass er es sich leisten kann und schon oft hier war: „Du kannst alles nehmen, hier ist alles gut.“


Die drei Geschwister Julia (Nele Müller-Stöfen), Tobi (Hans Löw) und Stefan (Lars Eidinger) (Foto: Jens Harant, Port au Prince Pictures)
So beginnt „All My Loving“ und setzt damit sehr fein die Tonlagen für die folgenden drei Episoden. Stefan versucht nach einem Hörsturz, der irreparable Schäden und damit die Berufsunfähigkeit zur Folge hat, sich in seinem Leben zurechtzufinden. War die Leere schon immer da, oder spürt er sie erst jetzt, wo die Routine aufhört? Ist die kaum möblierte teure Wohnung Zeichen dieser Leere oder nur seiner regelmäßigen Abwesenheit? Ist es das normale, eingepreiste Scheitern eines One-Night-Stands, oder sieht man ihm an, dass er aus der Erfolgsspur geraten ist? Tatsächlich türmt sich die Scheiße in seinem Leben, und es ist kaum damit getan, sie vom Balkon zu werfen. Den Versuch, mit Lügen und Illusionen das splitternde Leben zusammenzuhalten, kommentiert der Film fein ironisch mit ein paar Schnitten. „Mir geht es gut“, „Ich will aber fliegen“ – danach kann nichts Wahrhaftiges mehr kommen.


Ein Kapitän im Sturzflug. Stefan (Lars Eidinger) auf der Suche nach nächtlicher Begleitung (Foto: Jens Harant, Port au Prince Pictures)
In den beiden anderen Episoden gerät Julia mit ihrem Mann Christian trotz guten Willens in die Mühle ihres eigenen familiären Traumas. Vor wunderschöner Turin-Kulisse und von der Kamera auch immer entsprechend weit, sonnig und euphorisch oder eng und klaustrophobisch eingefangen, kämpft Julia um einen Ort, an dem „All ihre Liebe“ gebraucht wird. Und Tobi, der ewige Student und Hausmann, will bei seinen Eltern nach dem Rechten sehen und findet Chaos, Krankheit, Aggression und Schweigen. Diese – vielleicht herausragende – Episode macht auch am schönsten deutlich, wie wenig denunziatorisch der Film vorgeht. Tobi gerät in einer Kneipe in eine Geburtstagsfeier von halb so alten Jugendlichen. Er feiert mit, trinkt mit, spielt mit und wirft auch den einen oder anderen begehrlichen Blick. Aber er wird nie zur Lachnummer, die Szene behauptet vor allem Gegenwart und nicht Moral, was auch an Hans Löw liegt, der den staunenden, berauschten und deplatzierten Tobi mit großer Würde spielt.

Man kann „All My Loving“ als Edward Bergers Verbeugung vor der Berliner Schule sehen. Er erreicht nie – strebt aber auch nie an – deren formale Strenge und Selbstbeschränkung. Aber er schaut sich ein Insistieren ab. Er blickt hartnäckig und geduldig auf seine Figuren, lässt die Welt vom Bildrand her auf sie einteufeln, während sie selbst versuchen, nicht die Fassung zu verlieren. Denn mit der Fassung fällt vielleicht auch die mehr oder weniger große Lebenslüge. Darüber hinaus ist Edward Berger aber auch ein warmherziger Regisseur. Er schenkt seinen Figuren ein gemeinsames Aufatmen. Es ist wie das Lächeln nach einer durchlittenen Fiebernacht. (Sven Sonne)

„All My Loving“, Deutschland 2019, Regie: Edward Berger, Drehbuch: Edward Berger, Nele Mueller-Stöfen, Darsteller: Lars Eidinger, Nele Mueller-Stöfen, Hans Löw, Godehard Giese, Valerie Koch, Manfred Zapatka, Christine Schorn, Merle Wasmuth, Mathilde Berger, Maike Toussaint.
Der Film läuft im Rahmen der Reihe „LUSCHERN vor dem Filmfest“ am Mo, 6. Mai 2019, 20:30 Uhr im Studio Filmtheater am Dreiecksplatz (Kiel).