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23. Juni 2019 - 20:07

23. Filmfest Schleswig-Holstein 2019 – Begleitprogramm LUSCHERN

„Willy Fritsch: Ein Feuerwerk an Charme“

Interview mit der Willy-Fritsch-Biografin Heike Goldbach


Am 5. Mai (20:30 Uhr) zeigt das Kino in der Pumpe im Filmfest SH-Begleitprogramm „LUSCHERN“ den Stummfilm „Die Carmen von St. Pauli“, der 1928 unter der Regie von Erich Waschnek zum Teil in Hamburg gedreht wurde. Den attraktiven Bootsmaat, der das Opfer einer Femme Fatale wird, spielte Willy Fritsch. Damals der vielleicht größte Schauspiel-Star seiner Zeit, droht Willy Fritsch heute jedoch in Vergessenheit zu geraten. Wir haben die Autorin der einzigen ernstzunehmenden Willy-Fritsch-Biografie, Heike Goldbach, zu Willy Fritsch, seiner Beziehung zu Schleswig-Holstein und zum Skandal um zu viel nackte Haut in „Die Carmen von St. Pauli“ befragt.

infomedia-sh: Willy Fritsch war ein außerordentlich erfolgreicher Schauspieler. Wie beliebt war er tatsächlich, und warum ist er heute nicht mehr so präsent?

Heike Goldbach: Eigentlich kann man sagen, dass Willy Fritsch für einige Jahre, und das gilt insbesondere für die letzten Jahre der Weimarer Republik – speziell nach dem Aufkommen des Tonfilms – der vielleicht beliebteste, ganz sicher aber der populärste deutsche Schauspieler war. Er wurde seit 1923 von der Ufa systematisch aufgebaut, weil der damalige Produzent Erich Pommer früh erkannt hatte, dass Fritsch über Starqualitäten verfügte, die die Leute ins Kino lockten. Er entsprach einfach dem damaligen Zeitgeist und diente als Identifikationsfigur: Die Frauen schmolzen dahin, wenn er auf der Leinwand lächelte, und die Männer wollten so ein fröhlicher, ritterlicher Sportskamerad sein, den er dort ebenso verkörperte. Zu Autogrammstunden erschienen deshalb mitunter 10.000 Menschen, und zwar nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Städten, denn durch den Stummfilm, wo man ja schnell mal die Zwischentitel durch andere Sprachen ersetzen konnte, wurden deutsche Schauspieler auch außerhalb Deutschlands sehr bekannt. Es gab damals einen Schlager, der hieß „Ich bin in Willy Fritsch verliebt“, und das sagt eigentlich alles, denn daran sieht man, welcher Stellenwert Willy Fritsch damals als Person oder besser Typ zukam. Man könnte sich heute nicht vorstellen, dass jemand textet: „Ich bin in Matthias Schweighöfer verliebt“. Matthias Schweighöfer ist zweifelsohne ein besserer Schauspieler als Fritsch es damals war, für den ebenfalls Millionen Deutsche ins Kino gehen. Aber er steht nicht als Gesicht einer Epoche, wo jeder sofort ein Bild vor Augen hat, was damit ausgedrückt werden soll. Das hat seitdem auch kein deutscher Schauspieler wieder geschafft.


Einzige Biografie des Schauspiel-Stars: „Willy Fritsch – Der UFA-Schauspieler“ von Heike Goldbach
Dass Willy Fritsch heute nicht mehr so präsent ist, liegt möglicherweise daran, dass seine Art zu filmen einfach aus der Mode gekommen ist. In Deutschland überdauern oft Darsteller, die irgendwie polarisieren: der Komiker Rühmann, der Raufbold Schimanski aka Götz George usw. Aber der überall beliebte, meist fröhliche, kantenlose Typ wird schnell langweilig. Wer weiß, wie Willy Fritschs Karriere verlaufen wäre, wenn er mit Filmen wie denen von Fritz Lang weitergemacht hätte – „Spione“ oder „Frau im Mond“ zeigten ja bereits eine andere Seite von ihm. Er wäre bestimmt berühmter heute. Sein Fehler war es ganz sicher auch, 1933 in Deutschland zu bleiben und, noch schlimmer: in die NSDAP einzutreten, um seine damals auf dem Höhepunkt befindliche Karriere zu „retten“. Sein Rollentyp war damals nicht gerade das, was die Nazis schätzten, dazu kam sein jüdischer Manager, seine unter zahlreicher jüdischer Mitwirkung entstandenen Filme, seine Freunde … kurzzeitig hat ihm dieser Parteieintritt genutzt, aber als die Ufa 1937 endgültig verstaatlicht wurde, wollte man entweder tollpatschige Komiker oder aber zackige Typen im Kino sehen, und für das Exotische waren Importe wie Johannes Heesters zuständig – schon da war kein Platz mehr für Willy Fritsch. Nach dem Krieg erinnerte man sich wieder stärker an ihn, aber eben auch nur vermeintlich geeignet für ein bestimmtes Genre: das des damals populären, aber heute verpönten Heimatfilms.

infomedia-sh: Hatte Willy Fritsch eine besondere Beziehung zu Schleswig-Holstein?

Heike Goldbach: Ja, das hatte er. In den 1920er und 1930er Jahren war es unter gutsituierten Prominenten zum Beispiel sehr beliebt, nach Sylt zu reisen. Schon damals war Willy Fritsch oft in List zu Gast, was sich in den 1950er Jahren dann fortgesetzt hat, wenn er mit seiner Familie, also auch seinem Sohn Thomas Fritsch, hingefahren ist. Als Sylt sich dann nach und nach dem Massentourismus öffnete, wurde es allerdings schwierig für ihn, weil er nie ruhig im Strandkorb sitzen konnte, denn immer kam irgendjemand, um ihn zu fotografieren. Da ist er dann später eher nach Spanien oder so gereist.
Aber beheimatet war Willy Fritsch seit 1945 in Hamburg, und da er es liebte, irgendwo faul am Strand zu liegen, war es ja dann zu den Stränden Schleswig-Holsteins nicht weit.


Skandal um die Freizügigkeit der „Carmen von St. Pauli“ mit Jenny Jugo und Willy Fritsch (Foto: Murnau Stiftung)
infomedia-sh: Wie kam „Die Carmen von St. Pauli“ damals beim Publikum an? Es gab ja Kontroversen um die Freizügigkeit des Films ...

Heike Goldbach: In der Tat ist die „Carmen“, gemessen an ihrem Entstehungsjahr 1928, ein sehr freizügiger Film. Zwar heißt es gemeinhin von der Weimarer Republik, dass die Zeiten sehr locker gewesen seien, aber das traf vielleicht noch auf die Großstädte Berlin und Hamburg zu – in den Kleinstädten und auf dem Land lebten die Menschen ja weiterhin recht traditionell. Jedenfalls war ein Film, wo der Hauptdarsteller in Großaufnahme den Busen der Hauptdarstellerin anfasst und wo ein unverheiratetes Pärchen nach offenbar bereits gemeinsam verbrachter Nacht morgens in Unterwäsche allein im Zimmer schmust, ganz bestimmt nicht die Regel, sondern sehr progressiv. Man darf nicht vergessen: das war ja ein Unterhaltungsfilm, eigentlich produziert für den Mainstream. Filme wie „Wege zu Kraft und Schönheit“ von 1925, wo die Darsteller alle nackt herumliefen, wurden als „Wissenschaftsfilme“ für bestimmte Altersgruppen vermarktet. Aber ein Spielfilm mit populären Darstellern sollte sich an den Durchschnittskinogänger richten, und da war der Regisseur Erich Waschneck mit seiner realistischen Darstellung des Hamburger Hafenmilieus einfach mal ganz weit vorn.
Heute können wir diesen Film mehr oder weniger im Original sehen, aber damals wurde zunächst die Filmprüfstelle tätig und wollte den Film erst verbieten, hat ihn dann aber freigegeben, allerdings nur sehr gekürzt, mit vielen Schnitten, was wiederum dann für schlechte Kritiken gesorgt hat, denn dadurch hatte die Handlung logischerweise gelitten. Außerdem hatte er Jugendverbot, das heißt, wenn man damals jünger war als 21, durfte man ihn nicht sehen.

infomedia-sh: Frau Goldbach, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Wir empfehlen die Willy-Fritsch Biografie von Heike Goldbach. Ein umfassendes Werk, das nicht nur das Leben eines echten deutschen Schauspiel-Stars beschreibt, sondern nebenbei auch viel über die Geschichte des deutschen Films von der Weimarer Republik bis in das Nachkriegsdeutschland erzählt. Mit Genehmigung der Autorin dürfen wir einen Auszug aus dem Buch publizieren, der die Zeit der Dreharbeiten zu „Die Carmen von St. Pauli“ aus der Perspektive des Schauspielers beschreibt.

„Ein Feuerwerk an Charme - Willy Fritsch: Der Ufa-Schauspieler. Über eine große Filmkarriere in wechselhaften Zeiten“, Heike Goldbach, Verlag: tredition. Alles zum Buch hier: https://willy-fritsch.de/das-buch/.