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8. November 2019 - 21:35

20. Filmfest Schleswig-Holstein 2016

Porträt eines Suchenden

„A Shape of Time – Der Komponist Jo Kondo“ (Viola Rusche, Hauke Harder, D 2016)


Zum dritten Mal widmen Viola Rusche und Hauke Harder einem Komponisten Neuer Musik einen dokumentarischen Porträtfilm. Nach Arbeiten über Alvin Lucier („No Ideas but in Things“, 2012) und Ernstalbrecht Stiebler („Zeile für Zeile“, 2014) widmet sich „A Shape of Time“ dem japanischen Komponisten Jo Kondo. Der knapp Siebzigjährige gilt als einer der interessantesten zeitgenössischen Komponisten Neuer Musik in Japan und weltweit.

Neue Musik? Avantgarde? Die Wenigsten können von sich behaupten, einen Zugang zu dieser Musik, geschweige denn Ahnung davon zu haben. Rusche und Harder berücksichtigen das äußerst geschickt: Nach einem stimmungsvollen Bild vom Hafen Amsterdams finden wir uns gleich zu Beginn des Films in einem Vortrag Jo Kondos in Amsterdam wieder. Gemeinsam mit den Studenten lauschen wir einem Kompositionsbeispiel und den anschließenden Erläuterungen des Komponisten. Entwaffnend ehrlich erklärt Kondo, dass seine Musik aus reiner Improvisation am Klavier entsteht. Kein Design, kein Masterplan leiten ihn – er „findet, statt zu erfinden“, wie er selbst sagt. Manchmal lässt sich Kondo einen oder zwei Tage Zeit, bis er die nächste Note findet und notiert. Kondo ist ein Suchender. So wie er die Noten seiner Musik erspürt, so untersucht Kondo auch die Philosophie der Musik an sich und stellt sich dabei grundlegende Fragen: Worin unterscheiden sich reiner Klang (Sound) und Musik? Beginnt Musik, wenn sich eine Melodie formt? Kondo scheint diese philosophische Untersuchung in seinen Kompositionen fortzuführen. Dem geneigten Hörer bietet sich gleichzeitig musikalischer Genuss und die intellektuelle Herausforderung, sich mit dem althergebrachten Begriff von Musik auseinanderzusetzen.


Ein Suchender nicht nur in der Musik – Jo Kondo bei einem Vortrag in Amsterdam (Filmstill – Copyright: Rusche/Harder)
Jo Kondos Musik ist schwer zu beschreiben. Ihm selbst sind die Einflüsse auf sein improvisatorisches Komponieren nicht klar. Er schließt z.B. die Umgebungsgeräusche in der Heimat seiner Jugend als Inspirationsquelle nicht aus. An seinem heutigen japanischen Wohnsitz in Kamakura fühlt er sich daran erinnert. Harders exzellente Tonaufzeichnung bei einem Spaziergang durch die Zuisenji-Tempelanlage in Kamakura legt diesen Schluss durchaus nahe. Kondo zeigt sich auch heute noch inspiriert von experimentellen Ambientaufnahmen, die er Anfang der Siebziger veröffentlichte.

Kondo betont allerdings seinen Verzicht auf jegliche Expressivität in seinen Kompositionen. Keine narrativen oder gar emotionalen Elemente finden darin Eingang. Vorsichtig formuliert er im Interview die These, die vielleicht als ein Grundprinzip seines Arbeitens gelten mag: Den steten Versuch, die Balance zwischen Ambiguität und Klarheit zu halten.

Hauke Harder, selbst Komponist, Experimentalphysiker, Gründer der „Gesellschaft für Akustische Lebenshilfe“ und aktiver Kurator Neuer Musik, begegnet Jo Kondo auf intellektueller und fachlicher Augenhöhe. Das dürfte der Schlüssel für den Zugang zu diesem äußerst sympathischen, entspannten, aber immer auch konzentriert wirkenden Mann gewesen sein. Er gewährt Rusche und Harder Zugang auch in äußerst prekären kreativen Situationen: Beim Komponieren zu Hause, bei der delikaten Probe mit einem Frauenchor oder der hochkonzentrierten Rundfunkproduktion im Kölner Sendesaal des WDR. „A Shape of Time“ bringt uns deshalb nicht nur der Philosophie eines Ausnahmekomponisten nahe, sondern zeigt uns seinen Arbeitsalltag als Vortragender in Amsterdam, als Professor in Tokyo sowie als Aufnahme-Supervisor seiner eigenen Musik.

Harder und Rusche haben die Abfolge von Interviewsequenzen und Arbeitsbeobachtungen hervorragend strukturiert und dabei stets filmisch Luft gelassen für eine Kontemplation des Gesagten. „A Shape of Time“ zieht auf der filmischen Ebene die Parallelität zwischen Jo Kondo und dem japanischen Regisseur Yasujiro Ozu. Ob in den typischen Ozu-Establishing-Shots japanischer Landschaften und Wohnhäuser oder den berühmten Untersichten aus Bodennähe, die eine Perspektive aus der japanischen Sitzposition suggerieren. In Ozus späten Filmen müssen sich traditionelle Familien der beginnenden Moderne nach dem politischen Ende der Kaiserzeit stellen. Jo Kondo wuchs im in dieser Nachkriegszeit auf, in der japanische Traditionen durch die westliche Kultur in Frage gestellt wurden. Kondo ließ sich zunächst durch die klassischen europäischen Komponisten beeinflussen, später suchte er in seiner Studienzeit die Nähe amerikanischer Avantgardekomponisten wie John Cage. In seiner Musik überwindet Kondo allerdings sowohl die amerikanische Avantgarde als auch japanische Tradition und begründet einen eigenen musikalischen Kosmos.

Eine im ersten Moment dekorativ wirkende Szene könnte ebenfalls aus einem typischen Ozu-Film stammen und charakterisiert Jo Kondo fast beiläufig als den stets auf Empfang gestellten Suchenden. In einer exklusiven Sushi-Bar in Tokyo sehen sich zwei Meister ihrer Zunft gegenüber: Maestro Kondo erkundigt sich tastend nach den subtilen Änderungen im Lauf der Jahreszeiten und deren unvorhersehbare Auswirkungen auf den Fisch, den der Sushi-Meister virtuos zerlegt und zu neuen Geschmacksnoten komponiert. Ein treffendes Bild für Kondos kreativen Ansatz. (dakro)

„A Shape of Time – The Composer Jo Kondo“, D 2016, 100 Min., DCP. Regie und Buch: Viola Rusche, Hauke Harder; Musik: Jo Kondo. Eine Preview des Films lief bereits in Rochester (NY, USA). Weitere Infos unter www.jo-kondo-film.com.

Konzerttipp mit Musik von Jo Kondo:
6. Biennale chiffren. kieler tage für neue musik (www.chiffren.de). 26. Mai 2016, 20 Uhr, Halle400: Jo Kondo – An insular style (1980) für Flöte, Harfe, Klarinette, Schlagzeug. Das Berliner Ensemble Adapter hat das Stück in Japan mit dem Komponisten einstudiert. Der Leiter des Ensembles, Matthias Engler, stammt aus Kiel wie Viola Rusche und Hauke Harder.