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31. August 2019 - 20:35

54. Nordische Filmtage Lübeck 2012

In Luce Lucier

„No Ideas But In Things – The Composer Alvin Lucier“ (Viola Rusche, Hauke Harder, D 2012)


Alvin Lucier, einer der Pioniere der Neuen Musik, setzt sich einen Receiver an die Stirn, einen Hirnstrom-Recorder. Welche Musik machen Alpha-Wellen, jenes entspannte Hirngewächs kurz vor dem Traum? Ein Experiment in der Öffentlichkeit des Konzertsaals. Es klingt wie eine Botschaft an die Außerirdischen, ihnen zu senden via SETI, dem Projekt, das nach Radiosignalen der Fernen im Kosmos forscht. Oder ihnen lauscht mit Rahmenantennen in den rauschenden Äther.

Lucier ist einer der experimentellsten Komponisten Neuer Musik. Viola Rusche und Hauke Harder, Luciers seit 1996 Assistent, auch in Kiel vielfacher Aufführer seiner Klanginstallationen, setzen ihm in diesem Film ein Denkmal und eben solche Elektroden an die Stirn. Wie klingen zwei Bleistifte, „ordinary objects“, klöppelnd auf „ordinary objects“? Der Klang der Stifte, wenn sie auf Reisen gehen auf dem Membranobjekt einer klingenden Landkarte mit vorwiegend weißen Flecken. Was man hört, so Lucier, seien „die Frequenzen des Raums, die auslöschen jene Irregularität meiner Sprache“. Kompositionen sind für Lucier die Reduktion auf das urige Material des Klangs, dessen „Auslöschung“ immer in ihnen mitschwingt und seine Musik bestimmt.


Botschafter ferner, gleichwohl vertrauter Klänge: Alvin Lucier (Foto: NFL)
Liquides wird auf die Hirn-Elektroden auf Luciers Stirn geschmiert, damit der Sound der „Seele“ durchdringe. Da ist einer der Traum seiner Kompositionen. Viola Rusche und Hauke Harder nehmen das auf, vermengen die 70er-Jahre-Klangexperimente mit Aussagen Luciers von heute, die allesamt so enigmatisch klingen wie der Hirnstrom-Record der „Music for Solo Performer“.

Mit solchem „Auto-Feedback“ spielt Lucier in vielen seiner Werke, die ein Echo auch unseres Zuhörens sind, mehr als eine bloße Projektion. Etwas geht aus, nachdem es eingängig wurde, geht wieder ein als Ausgang, „real echo“. Experimentelle Anordnungen von Raumklang prägen den Film bildlich, leere Räume, die mit Klang sich füllen. Ein Portrait, das Lucier vor allem in seinen Klangentwürfen zeigt.

Ein Film auch von Weggefährten über einen solchen, über Musik an ihren Grenzen und über die hinaus. Ein Lehrstück der Neuen Musik, die mit Lucier an die Grenzen des Lichts und der Schatten der Töne geht – und dort wie aus dadaesken Ewigkeiten klingt. Keine Idee nur, aber in ihr verdinglichter Klang. (jm)

„No Ideas But In Things – The Composer Alvin Lucier“, D 2012, 97 Min., Regie: Viola Rusche, Hauke Harder, Kamera: Martin Zawadzki

„No Ideas But In Things – The Composer Alvin Lucier“ bei den NFL: Donnerstag, 1.11.2012, 13.45 Uhr, CineStar7. Kiel-Premiere am Mittwoch, 28.11., 20.30 Uhr im KoKi Kiel.

Zur Entstehung des Films: siehe auch hier.