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Letztes Update:
23. November 2017 - 21:31

57. Nordische Filmtage Lübeck 2015:

Sprünge an den magischen Ort

„Lutterbeker“ (D 2015, Linn Marx)


„Immer wieder anders“, „Schritte gehen und Sprünge zulassen“, „Freiheit wagen – und aushalten“: nur drei der Motti, die sich der Lutterbeker seit nunmehr 40 Jahren auf die Fahnen schreibt. 1975 aus der „Ruine“ eines Dorfkrugs in der Probstei, nah der Kieler Außenförde, neu belebt, dann Geheimtipp für Kultur und Kleinkunst fern der Metropolen, inzwischen beliebter Spielort für die Besten der deutschsprachigen Kleinkunst- und Kabarettszene – vor allem für Vorpremieren, nachdem man sich in dieses Kleinod der (Dorf-) Kultur zurückgezogen hat, um am neuesten Programm zu feilen.

Die Fotografin und Filmemacherin Linn Marx ist dort aufgewachsen, mitten drin im ebenso lauschigen wie weltläufigen Getriebe, das ihre Eltern Strupp und Wolfgang Marx in Lutterbek („am lauteren Bach“, so eine der etymologische Deutung des Ortsnamens) einst in einem alten Dorfkrug gründeten, zu einer Zeit, als soetwas wie „Soziokultur“, sprich Kunst und Kultur am vertrauten, heimischen, nahen Ort, noch allein ein Konzeptentwurf von nach-68-bewegten Sozialpädagogikstudenten war. Zum 40. Jubiläum des Clubs, Theaters, Konzertsaals, Kabarettbühne, Varieté und noch viel mehr ... und eben immer auch noch einfach nur Dorfkrug, hat sie den Lutterbeker porträtiert.


Seit 40 Jahren die „Macher“ im Lutterbeker: Wolfgang und Strupp Marx (Foto: Linn Marx)
Dass man 40 Jahre wechselhafter Geschichte so einer Kleinkunstbühne in 96 Minuten nicht umfassend erzählen kann, selbst bei Setzung von „Highlights“ einigermaßen willkürlich vorgehen muss, scheint Linn Marx von Anfang an des Projekts gewusst zu haben. Letzteres ist ein Wagnis zwischen Gelingen und kreativem Scheitern, genau wie der Lutterbeker selbst. Getreu einem der Motti „Schritte gehen“, die Chronologie von 40 Jahren manchmal einhaltend, manchmal durchbrechend, und Sprunghaftigkeit zulassend. Entstanden ist so weniger die Erzählung der Geschichte(n) des Lutterbekers, sondern ein bunter Bilderbogen, eine Collage, die neben den Geschichten vor allem den Geist des Lutterbekers zeigt, nebst den „Geistern“ des „magischen Ortes“, den Wolfgang Marx in einem unter den Dielenbrettern verborgenen mittelalterlichen Brunnen gefunden zu haben meint.

Die Magie des Ortes – sagen wir ruhig: der Genius Loci – indes stammt aus den vielen Gegenwarten von KünstlerInnen, die auf der Bühne des Lutterbekers 40 Jahre lang zu Höchstformen aufliefen. Viele solcher magischer Momente (rund 2.000 Stunden Material) hat Wolfgang Marx auf Video aufgezeichnet, ein unschätzbares Archiv, aus dem Linn Marx schöpfen konnte, um daraus den größten Teil des Films zusammenzuschneiden.

Dass sich solche Vielfalt und Buntheit zu einem Gesamtgemälde fügte, darauf konnte sie kaum vertrauen. Zu disparat sind die Zeiten und Eindrücke, die Sprünge manchmal zu weit und oft viel zu kurz. Insofern scheint der Lutterbeker Bilderbogen dem Betrachter zuweilen wie eine bloße Materialsammlung. Doch Linn Marx destilliert aus der einen Zusammenhang, den „Geist“ des Lutterbekers, indem sie manche der dort langjährigen Protagonisten zu Wort kommen lässt und ins Bild setzt. Neben ihren Eltern und Lutterbeker-Begründern Strupp und Wolfgang auch KünstlerInnen, die sich von dem Ort immer wieder magisch angezogen fühlten. So sinniert etwa die Kabarettistin (Missfits) und Regisseurin Gerburg Jahnke über die geheimnisvolle Selbstbauarchitektur, in der „ein ganzes Appartment um eine historische Tür herumgebaut wird“. Ina Müller erinnert sich an einen ihrer ersten und viele weitere Schritte auf diese Bühne als die eine Hälfte von Queen Bee. Nicht minder viele „Döntjes“ zu erzählen haben das langjährige „Tresenwesen“ Gesche Mumm und drei Lutterbeker Jungs beim Bier, die hier nicht nur der Kleinkunst, sondern auch dem Skat frönen ...

Von solchen „Homies“ (weil neben den Künstler-Clips die schönsten Szenen) hätte man gern mehr gehört über den Lutterbeker. Allein, die Jungs und Mädels sind typisch norddeutsch, also eher wortkarg bis schlagfertig dreisilbig auf dem Punkt. Der Lutterbeker erscheint in Linn Marx’ Film so als ein wohl einzigartiges Phänomen zwischen Dorfkrug, also einer schon vergessen geglaubten Institution dörflichen Lebens, und ganz großer Bühne der (Klein-) Kunst, als jener „magische Ort“, wo Schritte zu Sprüngen werden – auch filmisch retrospektiert. (jm)

„Lutterbeker“, D 2015, 96 Min., Buch/Regie: Linn Marx. Mit: Dirk Bach, Hallucination Company, Georgette Dee, Missfits, Kay Ray, Funk Connection, Tim Fischer, Arnulf Rating, Ina Müller, Magnets, Bodo Wartke, Schroeter & Breitfelder, Gerburg Jahnke, Hajo Sommers, Gesche Mumm, Wolfgang Marx, Strupp Marx u.a. Gefördert von der Filmwerkstatt Kiel der FFHSH. Trailer auf Vimeo.