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Filmkultur Schleswig-Holstein e.V.



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Letztes Update:
8. Dezember 2018 - 18:11

60. Nordische Filmtage Lübeck 2018

„Man spricht nicht darüber“

„Nach dem letzten Schuss ist der Krieg noch nicht vorbei“ (D 2018, 39 Min., Regie: Kay Gerdes und Jess Hansen)


Das markdurchdringende Heulen des Fliegeralarms, eine Frau, die durch Kieler Straßen zu einem Luftschutzbunker flüchtet, meterhohe Flammen, die aus einem Wohnhaus schlagen – mit diesen beklemmenden Szenen aus dem Film „Kiel im Bombenkrieg“ (D 2005, Regie: Kay Gerdes) beginnt für die Seniorengruppe der AWO in Mettenhof die Erinnerungsreise in die Vergangenheit.

Den Zweiten Weltkrieg erlebten sie als Kinder und Jugendliche, richtig aufgearbeitet haben viele von ihnen die grausame Zeit aber nie. Unter der Leitung einer erfahrenen Psychotherapeutin lernen sie nun, das zu tun, was sie sich seit Jahrzehnten selbst verboten hatten, auch vor der eigenen Familie: über ihre Erlebnisse im Krieg zu berichten. „Man spricht ja nicht darüber“ – dieser entschuldigende Satz fällt immer wieder in den Berichten der Überlebenden, die zu Beginn des Films noch auffällig häufig in der unpersönlichen „man“-Form formulieren.

Verdrängen, sich preußisch-diszipliniert zusammenreißen und mit voller Kraft nach vorne zu schauen auf Wiederaufbau und Wirtschaftswunder, schien die kollektive Strategie zu sein. „Nach dem letzten Schuss ist der Krieg noch nicht vorbei“ zeigt, dass der Krieg aber sehr wohl weiter ging, nämlich in genau diesen Menschen, die durch ihn traumatisiert wurden.


Gemeinsames Erinnern (Still aus dem Film)
Dafür nehmen Kay Gerdes und Jess Hansen die Rolle eines aufmerksamen wie stillen Zuhörers ein. Sie behandeln die offenen Zeugnisse der Senioren behutsam und mit dem nötigen Respekt. Unkommentiert lassen sie ihre zum Teil erschütternden Berichte stehen, über Fluchterlebnisse, Gewalt und Vergewaltigungen. Aber auch über die Reue darüber, den eigenen Kindern wegen der eigenen Traumata oft nur eisige Kälte und Distanz statt Zuwendung und Wärme entgegen gebracht zu haben. Unsichtbare, psychische Folgen des Krieges, die sich über Generationen weiterziehen können.

Die beiden Kieler Filmemacher geben dem Film immer wieder Momente der Stille und zwingen den Zuschauer, das Gehörte tief einwirken zu lassen und auf diese Weise auch, ein Stück weit Unbehagen auszuhalten. Das bewegende Ergebnis wurde auf dem Filmfest Schleswig-Holstein 2018 mit dem Publikumspreis Langfilm ausgezeichnet.

„Ich finde zu mir durch diese Gespräche“, sagt eine Seniorin zum Ende des Films sichtlich erleichtert. Die Gewissheit, endlich auf das Verständnis von Menschen zu stoßen, die ähnliches erlebt haben, hat sie bis zum Ende an der Runde teilnehmen lassen. „Nach dem letzten Schuss ist der Krieg noch nicht vorbei“ leistet als Film vielleicht auch einen kleinen Beitrag für ein größeres Verständnis der Nachgeborenen für die so oft stoisch schweigende Kriegsgeneration. Und für das Bewusstsein, dass die Auswirkungen des Krieges tatsächlich noch Generationen nach dem letzten Schuss zu spüren sind. (Britta Voß)