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Filmkultur Schleswig-Holstein e.V.



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Letztes Update:
8. Juni 2019 - 20:08

Dokumentiert:

Laudatio von Lars Büchel anlässlich der Verleihung des Kunstförderpreises an Antje Hubert

Sehr geehrte Frau Ministerpräsidentin, sehr geehrte Frau Kultusministerin, sehr geehrte Frau Meyer, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Antje,
ich freue mich von Herzen, dass ich anlässlich der Verleihung des Kunstförderpreises des Landes Schleswig-Holstein 2004 heute hier sprechen darf.
Ich freue mich deshalb so sehr, weil ich glaube, dass Antje diesen Preis verdient hat. Im Herkunftswörterbuch des Duden findet man unter „dienen“, dass sich das Wort ursprünglich aus der Bezeichnung - ein Knecht sein - abgeleitet hat. Ferner findet man dort in erweiterter Form, in - Demut Knecht sein.
Ich kann sagen, dass diese Formulierung auf Antje zutrifft. Denn Antje hat einen schweren - vielleicht auch schwierigen Beruf ergriffen. Sie ist Dokumentarfilmerin geworden. Und in der Tat bedeutet das, sich zu knechten, viele Entbehrungen in Kauf zu nehmen und der Sache, dem Inhalt oft in Demut zu dienen.
Man kann sich oft fragen, warum welche Menschen sich ausgerechnet diesen und keinen anderen Beruf ausgesucht haben. Warum wird der eine Kapitän, der andere Lehrer? Warum Rennfahrer, Astronaut oder gar so etwas Exotisches wie Ministerpräsidentin?
Warum hat sich Antje für diesen Beruf entschieden? Es hängt, wir wissen, stark mit der eigenen Persönlichkeit zusammen. Und der eigenen Geschichte. Antje ist in der Nähe von Süddeutschland, in Niedersachsen, genauer Celle 1966 geboren. Sie ist bald darauf nach Braunschweig gegangen um dort bildende Kunst und Geschichte zu studieren. Zum Glück - für sie - und auch für uns - hat sie sich dann entschieden, nach Kiel an die Muthesius-Schule zu gehen, um dort unter anderem bei Peter Nagel Malerei zu studieren.
In dieser Zeit, Mitte der 80er Jahre, tritt ein völlig neues Format in unser aller Leben. Es ist ein Magnetband, dass bewegte Bilder aufnehmen kann, die man sich unmittelbar nach der Aufnahme ansehen kann. Und sogar mit Ton. Das muss man sich mal vorstellen. Kein Kopierwerk, kein tonloses, noch nicht lichtbestimmtes Filmmuster, nein, eine Magnetaufzeichnungsmaschine, die diesen doch - ich schaue in mein schlaues Buch ausgesprochen blödsinnigen Namen „video“, lateinisch videre, sehen, also, ich sehe - erhält.
Und Antje sieht. Sie nimmt dieses Medium dankbar auf und genießt seine Vorzüge. Keine großen Lichteinheiten, keine Schienen legen, keine große, schwere Kamera, keine getrennte Aufnahme von Ton und Bild. Und, der entscheidende Vorteil: Das Medium ist im Vergleich zum Film ausgesprochen preiswert. Plötzlich kann sich jeder Film/Video leisten.
Antje filmt, vielmehr experimentiert. Und sie spürt mehr und mehr, dass sie nicht Geschichtslehrerin werden wird, dass sie nicht Malerin wird, nein, sie formt sich gewissermaßen ihre eigene Synthese.
Sie fasst Geschichte, Kunst im weiteren Sinne und das Bild zusammen, und beginnt sich, mit der „ich sehe“-Kamera Themen zu suchen. Die Dinge fügen sich. Und es fühlt sich gut an. Denn es ist ein beglückendes Gefühl endlich zu wissen, was man wirklich möchte vom Leben. Nur gut, dass Antje noch nicht weiß, welche Entbehrungen auf sie zukommen werden.
Gut ist: Sie ist nicht allein. Die Kulturelle Filmförderung Schleswig-Holstein wird gegründet. Und endlich haben die Filmemacher und -macherinnnen des Landes einen Ort, wo sie Hilfe und Unterstützung bekommen. Später wird zu unserem großen Glück noch die MSH hier in Lübeck ins Leben gerufen.
Antje sagt: „Es gibt viele Themen.“ Sie horcht, was sie berührt, folgt den Querdenkern und den Unruhegeistern. Und spricht dann den schönen Satz: „Die größte Aufregung bekommt den Zuschlag.“
Antje regt sich auf. So werden 1996 Tiere vergraben, Menschen nehmen in 20 Minuten Abschied von ihren Haustieren. Antjes erster Film: „Geliebt und unvergessen“. Die Geschichte von Menschen und Tieren, Beta SP, also Video, vom NDR ausgestrahlt. Hier wird schon etwas das erste Mal offenkundig. Antjes Gespür für besondere Themen.
Es folgt 1998 der Film „Gaarden“, ein Portrait des Kieler Stadtteils, für den Antje 1999 den Dr. Hans-Hoch Filmpreis der Stadt Neumünster erhält. 5 Jahre später wird sie Mitinitiatorin der Geschichtswerkstatt Gaarden, ein Projekt, das sich zur Aufgabe macht hat, das Alltagsleben in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in dem gleichen Stadtteil zu dokumentieren. Also, die Geschichte, und die Auseinandersetzung mit Geschichte lässt Antje nicht mehr los.
In den nächsten Jahren steigt sie zusammen mit Olga Schell, ihrer Partnerin bei diesem Film, hinab in das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte und dreht einen Film über Menschen, die im „Dritten Reich“ zwangssterilisiert wurden, weil ihnen häufig auf Grund ihrer schwachen sozialen Stellung fälschlicherweise Stumpfsinnigkeit bescheinigt wurde, die nach Auffassung der Nationalsozialisten Gefahr lief, weiter vererbt werden zu können. Der Film „ad acta“ kommt 2002 heraus und ist 85 Minuten lang.
Es ist ein bedrückender, oft trauriger Film. Ältere Menschen berichten, wie sie als Kinder oder Jugendliche ins Krankenhaus gebracht wurden, dort operiert wurden, ohne zu wissen warum sie eigentlich dort sein mussten. Auch wurden sie oder ihre Eltern nicht darüber aufgeklärt.
Antje sieht zu. Sie beobachtet die Menschen, lässt sie erzählen, kommentiert nicht. Die Kamera geht nie wirklich nah an die Menschen heran, es ist der zurückhaltende, bescheidene Blick. Man muss sich selbst zurücknehmen, wenn man andere Menschen kennen lernen möchte. Und deshalb lernen wir Antjes Helden gut kennen, weil Antje sie gewähren lässt.
Und weil sie weiß, dass man sich Zeit nehmen muss. Lange vor den Dreharbeiten. Der nächste Film heißt „Jetzt fahren wir übern See“ und erzählt von drei geistig behinderten Müttern, die in einem Heim die Möglichkeit haben, ihre eigenen Kinder aufzuziehen.
Nun geht man nicht zu diesen Menschen, schaltet die Kamera ein und fertig ist der Film. Diese Menschen erzählen nur, wenn sie vertrauen. Wenn sie wissen, dass sie nicht bloßgestellt werden. Dass die Filmemacherin es gut mit ihnen meint. Ein halbes Jahr besucht Antje diese Menschen. Isst mit ihnen, geht mit ihnen spazieren und einkaufen. Begleitet die noch fremden Menschen, die langsam zutraulicher werden. Und wird belohnt. So wie wir - die Zuschauer - auch.
Denn es entsteht ein eindringliches, liebevolles Portrait dreier Frauen, die trotz ihrer schwierigen Umstände jeden Tag dem Leben etwas Gutes abringen. Und wir dürfen kurz daran teilnehmen und angesichts des Films uns darauf besinnen, dass wir oft auf einem hohen Niveau jammern.
Die Menschen in Antjes Filmen sprechen besondere Sätze: „Das Puzzle hat sich gegen mich gestellt und dann hab’ ich mich auch auf stur gestellt.“ „Eigenes Wohnen werde ich mit Sonny - das ist das Kind - nicht kriegen.“ „... aus Liebe getötet. Wie kann man aus Liebe töten, wenn der Mensch, den man tötet, leben will.“ „Bin ich ein gemeingefährlicher Idiot?“ „Manchmal denke ich, ich bin ’ne scheiß schlechte Mutter.“
„Man darf es dem Vergessen nicht überlassen.“ Vielleicht der Kernsatz in Antjes Arbeit. Bewahren, Erinnern und es durch die Menschen, durch ihre Erzählungen, durch Zeitzeugen lebendig zu erhalten. Sie zeigt, wo das Leben Wunden in der Seele geschlagen hat, die nicht mehr weggehen. Antje benennt Eberhard Fechner als ihr Vorbild. Das passt. Der große Fechner, einer der bedeutesten Dokumentarfilmer unserer Tage, der die Menschen hat sprechen lassen. Ergreifend. Was macht den guten Dokumentarfilm aus? Und warum sind Dokumentarfilme häufig viel stärker als Spielfilme? Weil sie glaubhaft sind. Weil die Menschen in diesen Filmen nichts vorspielen, sondern sind.
Die drei Frauen in „Jetzt fahren wir übern See“ sind. Ja. Sie geben nichts vor, sie spielen nicht, sie sind ergreifend authentisch und entwaffnend ehrlich. Ehrlichkeit und Offenheit können sehr berührend sein.
Das Leben einer Dokumentarfilmerin ist nicht leicht, zumal, wenn man seine Arbeit so gewissenhaft verrichtet wie Antje es tut. Das Einkommen ist gering. Von Stundenlohn, Feiertagszulage, Überstundengvergütung, Kleidergeld, Urlaubsgeld, will ich gar nicht sprechen. Vielleicht werde ich zu polemisch, wenn ich sage, dass die Hartz IV-Gegner nach einem Jahr Leben als Dokumentarfilmerin nach eben den Ergebnissen dieser Reform betteln würden.
Und doch erscheint mir Antje nicht als unglücklicher Mensch. Ist sie auch nicht. Denn sonst hätte sie wohl kaum die Kraft sich solcher schwierigen Themen anzunehmen. Und wir können froh sein, dass sie es tut. Dass sie uns Wunden zeigt.
Weil das Leben nicht nur Spaß und Freude bereit hält, auch wenn uns das einige glauben machen wollen. Ich mach’ es selten, doch der Blick ins Fernsehen verrät mehr und mehr die Auffassung, dass das Leben ein seichter, vor sich hintreibender Fluss ist.
Antjes Filme werden auch im Fernsehen ausgestrahlt. Nein, nicht nach der Tagesschau, auch nicht nach den Tagesthemen, etwas später, man meint, es liegt vielleicht daran, dass Wochenende ist, nein, auch das ist nicht der Fall, es ist Mittwoch, 0.00 Uhr, genau die Zeit um endlich nach getaner Arbeit sich zu entspannen, und Fernsehen zu gucken.
Der NDR argumentiert, diese Filme sprechen eben nur eine bestimmte, kleine Zielgruppe an, man könne es der geringen Quote entnehmen. Nun. Das ist so eine Sache mit der Ursache und der Wirkung. Natürlich sieht zu dieser Zeit kaum jemand mehr Fernsehen, und trotzdem haben den letzten Film 100.000 Menschen gesehen. Nicht auszudenken, was geschehen würde, hätte man ihn ein klein wenig früher gezeigt.
Hier verschafft sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen doch allzu offensichtlich ein Alibi für seinen von Rechts wegen erteilten Kulturauftrag. Ich bin mir sicher, dass wir auch einmal auf eine Folge Großstadtrevier - nichts gegen das Großstadtrevier - oder den Landarzt verzichten könnten. Ein hehrer Wunsch. Der nicht in Erfüllung gehen wird.
Doch das wird Antje nicht kümmern. Sie macht weiter und das ist gut. Sie ist viel zu pragmatisch und auch im Charakter zu gefestigt, um sich dem ständigen Gegenwind zu beugen. Sie wird weiter unbequeme Themen suchen, die - wie mein schlaues Buch sagt - Dokumentation ist - die Dinge erhellen und beleuchten - und wird sich dabei treu bleiben, der größten Aufregung den Zuschlag zu geben.
Ich möchte mit einem Zitat ihres Produzenten Peter Stockhaus enden, der auf meine Frage, wie er Antje sieht, gesagt hat: „Huh, die ist ganz schön groß. Sie hat den Kopf in den Wolken und steht mit beiden Füßen auf der Erde.“ Ein schöner, zutreffender Satz.
Ich wünsche uns noch viele Filme von Antje und gratuliere der Preisträgerin sehr herzlich.
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