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Filmkultur Schleswig-Holstein e.V.



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Letztes Update:
4. Januar 2019 - 17:29

Ein Dichterfilm

„Amor Vati“ (Viola Rusche, D 2008)

Der Dichter Christian Saalberg (1926-2006), mit bürgerlichem Namen Christian Udo Rusche und von Beruf Rechtsanwalt, führte ein ruhiges, zurückgezogenes Leben am Stadtrand von Kiel, abseits des bundesrepublikanischen Literaturbetriebs, und blieb so vielen trotz seiner großen und wohl auch großartigen poetischen Produktion unbekannt. Zu Lebzeiten veröffentlichte er 23 Gedichtbände und wurde mit einigen bekannten Literaturpreisen geehrt. Er scheint ein nachdenklicher, behutsamer, zugleich aber lustvoller Lyriker gewesen zu sein. Sein heiterer Spieltrieb, den Worten neuen Sinn zu entlocken, wird deutlich, hört man seine Gedichte im Film „Amor Vati“, den seine Tochter Viola Rusche zum Gedenken an ihn gemacht hat. Meist trägt er die Gedichte im Film selber vor, lauscht selbst seinen Worten noch einmal hinterher, strahlt heiter von innen heraus. Der Film ist eine gelungene postume Liebeserklärung der Tochter an den Vater und ein kleiner Schatz für alle Literaturfreunde. Viola Rusche hat ihren Vater in seinen letzten Lebensjahren mit der Kamera begleitet, in denen er schwer krank und dennoch gelassen seine Zukunft, also die unausweichliche Option des Todes poetisch prüft, ohne Bitterkeit, eher einverstanden reflektiert, bisweilen lakonisch wie das folgende Gedicht:

Das war mein Tag
Bin aufgestanden habe gegurgelt
habe mich rasiert
Sah am Fenster wie ein Geschoß vorüberflog
Das war die Sonne
Das war mein Leben
Das ich noch einmal sehen kann
bevor morgen ein Stein
meinen Namen trägt.


Seine Briefe an die Tochter unterschrieb Saalberg oft mit dem Gruß „Amor Vati“, was eine Verballhornung Nietzsches Wortss „Amor Fati“ (Liebe zum Schicksal) ist. Der 76-minütige Erinnerungsfilm profitiert von der intimen Nähe zwischen Vater und Tochter, von der Gelassenheit, mit der Saalberg sein nahendes Ende akzeptiert, und von der Freundlichkeit, mit der er sich für die beobachtende Kamera öffnet. „Amor Vati“ ist ein leiser und zugleich heiterer Film. Saalberg erzählt von seiner ersten Schreibmaschine, die er sich nach dem Krieg 1951 von seinem kargen Verdienst auf Raten abgestottert hat, die er aber bis zum Schluss all die Jahre genutzt hat, obwohl sie zuletzt von einer Sicherheitsnadel zusammengehalten werden musste. Und so klappert die Maschine eine besondere Grundmelodie durch den Film, während dieser in die Dichterhöhle von Saalberg eintaucht. Wir sehen einen Raum, der bis an die Decke zum Bersten mit Büchern gefüllt ist. Die Regale biegen sich, und der Dichter gibt uns quasi eine Privatführung durch seine Lieblingsliteratur, schwärmt vom Surrealismus, der ihn zu seiner Lyrik inspiriert hat. Neben diesem literaturgeschichtlichen Strang, der auch einen Blick auf seine Arbeitsmethode wirft, erleben wir Saalberg als Naturliebhaber, der hinter seinem Haus in Kronshagen ein kleines Gartenparadies hat, als Wanderer durch Wälder der Umgebung streift und ausgedehnte Paddeltouren mit seiner Frau z.B. über den Westensee macht. Die Erzählung der doppelten Verlobung mit seiner späteren Frau und die anschließende Hochzeitsfahrt über den Plöner See (erzählt von seiner Frau, Saalberg co-referiert sporadisch) wirken durch den zeitlichen Abstand zu heute und die Schwarzweißfotos schon fast nostalgisch. Und immer wieder diese wunderbaren Gedichte. Für den ahnungslosen Rezensenten eine Entdeckung.

So fügen sich „Fragmente“ zu einem erfüllten Ganzen, das den Zuschauer nachdenklich und beeindruckt zurücklässt. Viola Rusche sagt zu Anfang, dass der Film dem Wunsch entsprang, etwas zurückzugeben. Dabei ist es ihr auf unaufdringliche Art gelungen, etwas Wertvolles im Film aufzuheben. (Helmut Schulzeck)

„Amor Vati“, Deutschland 2008, 76 Min., DV, Regie, Kamera, Schnitt: Viola Rusche, gefördert durch die Kulturelle Filmförderung Schleswig-Holstein e.V.

Der Film erlebt am Sonntag, den 14. Dezember 2008, 11 Uhr, im Kommunalen Kino in der Pumpe, Kiel, Haßstraße 22, seine Premiere.