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Letztes Update:
8. Dezember 2018 - 18:11

Interview mit Kai Zimmer über „Revolution 18“

Seit mehr als zwei Jahren hat sich der Kiel-Berliner Filmemacher, Videokünstler, Fotograf und Gottfried-Brockmann-Preisträger Kai Zimmer filmisch mit dem Kieler Matrosenaufstand befasst, dem Auftakt zur Novemberrevolution 1918. Jetzt feiert sein experimenteller Dokumentarfilm „Revolution 18“ Premiere. Wie ist der Film entstanden, welchen Bezug hat er zu heute?

Warum hast du dich mit der Revolution 1918 in Kiel beschäftigt?

Schon bei der Arbeit an dem experimentellen Kurzfilm „Seestück“ hatte ich mich mit dem Matrosenaufstand befasst. Ich wollte darüber aber keinen normalen Dokumentarfilm machen, sondern aus persönlicher Perspektive den Zeitgeist einfangen, der letztlich zur Revolution führte. Eben keine historische Analyse, sondern wie bei „Seestück“ ein Kieler Stimmungsbild.

Inwiefern ist der Blick auf die Revolution in deinem Film ein persönlicher?

Indem mein Erzähler die revolutionären Ereignisse in seinem Tagebuch widerspiegelt – lückenhaft, nicht allwissend, durchmischt von Alltagserfahrung. Erzählerische Grundlage ist das Tagebuch 1917 bis 1919 von Nicolaus Andersen, eines Maschinenbau-Ingenieurs, der auf der Germania-Werft arbeitete. Ein Tagebuch birgt in sich schon Spannung, weil es aus dem Moment heraus geschrieben wird und sein Autor noch nicht weiß, wohin die Geschichte führt. Das hat eine Eigendynamik, die den Film besser vorantreibt als eine Reihung von Bilddokumenten und erklärendem Kommentar, wie wir es aus den üblichen Dokus im Fernsehen kennen. Ich wollte ganz bewusst nicht kommentieren, sondern das Tagebuch und die Bilder aus und für sich selbst sprechen lassen.


Persönlicher Alltagsblick auf revolutionäre Ereignisse: Kürzlich aufgefundenes Porträt von Tagebuchautor Nicolaus Andersen. Foto privat
Wie bist du an diese „Quelle“ gekommen?

Nachdem die „Kieler Nachrichten“ über meine ersten Recherchen berichtet hatten, meldete sich der Kieler Gewerkschafter Karl Altewolf bei mir, der Andersens Tagebuch auf einem Eutiner Flohmarkt entdeckt hatte. Ursprünglich wollte ich viele „private“ Quellen verwenden, mehrere Zeitzeugen im Wechsel sprechen lassen, ähnlich wie im „Echolot“ von Walter Kempowski. Andersens Tagebuch war aber so stringent und in seinem protokollierenden Telegrammstil so „filmisch“, dass es als Folie für den ganzen Film taugte. Das Bildmaterial hat mir zu großen Teilen Johannes Rosenplänter, Leiter des Kieler Stadtarchivs, zur Verfügung gestellt.

Du kombinierst dieses Material mit selbst gedrehten Aufnahmen aus dem heutigen Kiel, unter anderem auch vom Abriss des Karstadt-Gebäudes.

Ja, das dokumentiert meine Spurensuche. Welche Wege mag Andersen gegangen sein von seiner Wohnung in der Hopfenstraße zu seinem Arbeitsplatz? Oder zum einstigen Kaisersaal in Gaarden, wo er oft sein Mittagessen einnahm – bis das Brot knapp wurde. An welchen Orten könnte er vorbeigekommen sein, wo sich die Matrosen zu Aktionen versammelten? Ich identifiziere mich dadurch mit Andersen, wodurch ein weiterer persönlicher Bezug entsteht. Nämlich dass die Revolution auch zu meiner (und der des Zuschauers) wird. Es ist faszinierend durch Andersens Brille zu beobachten, welcher neue Geist am Ende des 1. Weltkriegs aufkeimte, was die Menschen auf sich nahmen, um ein erstarrtes, überkommenes Gesellschaftsgebäude einzureißen – wie die Bagger bei Karstadt einen Altbau. Da ist auch der Bezug zu heute. Denn auch wir leben in einer Gesellschaft, die wie das Kaiserreich damals unbeweglich geworden ist, die eine Frischzellenkur, Visionen, ein revolutionäres Umdenken braucht.

Ein Plädoyer für eine neue Revolution in Kiel?

Vielleicht eher dafür, die Kieler Geschichte nicht nur zu dokumentieren, sondern aus ihr für morgen zu lernen. Bewusst habe ich den Film „Revolution 18“ genannt, nicht „Revolution 1918“. Die Jahrhundertziffer bleibt offen und weist somit auch in eine Zukunft, wo Menschen wieder wagen, Geschichte nicht nur zu erleiden, sondern sie sich als Subjekte wieder anzueignen, sie selbst in Bewegung zu bringen. Und das von unten, wenn „die da oben“ nicht mehr zu Veränderungen fähig sind.

Interview: jm