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Letztes Update:
8. November 2019 - 21:35

2. Int. Ocean Film Festival CineMare 2017

Den „blauen Faden“ weiter gesponnen

Interview mit Till Dietsche, Leiter des CineMare Meeresfilmfestivals


Vom 30. August bis 3. September 2017 findet in Kiel zum zweiten Mal das 2. International Ocean Film Festival CineMare statt. Grund genug, mit dem Schleswig-Holsteiner und Kieler (Co-) Festivalgründer und -leiter Till Dietsche ein ausführliches Interview zu führen.

Neben seinem Studium der Medienwissenschaft in Kiel bei Prof. em. Dr. H. J. Wulff studierte Till Dietsche auch Sinologie unter Prof. em. Dr. Gudula Linck. Konsequenterweise promovierte Dietsche dann über „Identität im taiwanischen Kino“, denn während schon während eines ausgedehnten Sprachaufenthalts in Taiwan verliebte sich Dietsche in Land, Leute – und seine Frau. Das Bedürfnis nach praktischer Filmarbeit brachte ihn zum Filmstudium an der Kun Shan Uni Tainan (Südtaiwan) bei Liao Pen-jung, dem Kameramann seines Lieblingsfilms „Das Fleisch der Wassermelone“ („The Wayward Cloud“, Ming Liang Tasi, F/TAI 2005). Seit 2010 hält Till Dietsche selbst eine Gastprofessor am Department of Computer Aided Media Design der Chang Jung University Tainan.
2012 gründete er sein erstes Festival, das „Cinemaformosa 39 Hour Short Film Contestival“ in Tainan, eine Initiative zum City-Branding und zur Stärkung des kulturellen Profils der Stadt Tainan. 39 Teams haben dabei 39 Stunden Zeit, 39 Filme zu machen. Der Gewinnerfilm wird zum Kurzfilmfestival interfilm Berlin eingeladen. Doch dieses Jahr muss das Contestival Pause machen, denn Till Dietsche konzentriert sich auf das 2. CineMare-Meeresfilmfestival.


Spinnt den „blauen Faden“ von CineMare weiter: Festivalleiter Till Dietsche (Foto: jm)
infomedia-sh:
2016 lief das erste CineMare Festival in Kiel. Wie kam es zur Gründung des Festivals und wie wurde es im ersten Jahr vom Publikum angenommen?

Till Dietsche:
Das Festival wurde letztes Jahr gemeinsam mit meinem Schulfreund Jan Sellmer, mit dem ich auch schon vor 10 Jahren das Kieler Kneipen-Kurzfilmfestival gegründet hatte, aus der Taufe gehoben. Entstanden ist es über zwei-drei Jahre hinweg in langen Gesprächen mit Daniel Opitz und unendlich vielen Tassen Kaffee in der Küche der Ocean Mind Foundation.
Wir hatten gleich im ersten Jahr unerwartet viel Stammpublikum, das versucht hat, möglichst viele Filme zu sehen. Dies hat uns dazu bewegt, dieses Jahr die „Blue Card“ einzuführen. Diese Festivalakkreditierung berechtigt dazu, an der jeweiligen Kinokasse Tickets für null Euro zu kaufen. Die Akkreditierung kostet 50 € und ist gleichzeitig als privates Sponsoring von Kielern gedacht. Das CineMare will ein Festival für alle sein. Wir freuen uns darauf, gemeinsam mit unseren Festivalbesuchern, Gästen und Freunden, Filme und Filmemacher aus aller Welt hier bei uns im Norden, im Land zwischen den Horizonten, willkommen zu heißen.

infomedia-sh:
Wie seid ihr im zweiten Jahr personell aufgestellt? Hat sich ein festes Team gebildet?

Till Dietsche:
Die Frage ist eine echte Steilvorlage, einmal alle Teammitglieder und alle Unterstützer vorzustellen:
Unser Team hat mit der Erfahrung aus dem letzten Jahr gut zusammengefunden und ist nun eine eingeschworene, kleine Truppe. Olga Gunko hat als stellvertretende Festivalleiterin deutlich mehr Verantwortung übernommen. Gemeinsam sitzen wir oft bis spät in die Nacht im Medienzentrum W8, wo das Festival in der ehemaligen Nieswand-Druckerei einen neuen Heimathafen gefunden hat. Daniel Opitz ist zurück aus Maui, wo er exklusive Buckelwalbilder für eine ganz neue, hoch innovative 360-Grad-Full-Dome-Serie gedreht hat. Die von ihm gegründete Ocean Mind Foundation ist der wichtigste Partner an der Seite von CineMare.
Korina Gutsche ist mit ihrer großen Leidenschaft zum Meer und ihrer meeresbiologischen Kompetenz, jahrelanger Erfahrung und Engagement für den Meeresschutz, für Sustainability und für nachaltiges Filmemachen ein weiterer Eckpfeiler des Teams. Von Babelsberg aus ist sie PR-Beauftragte, Pressesprecherin und zuständig für die Kooperationen. Katja Vedder von ART Objective war ursprünglich als „OCEAN Art“ Kuratorin zum Team gestoßen, ist aber längst viel mehr und mit ihrer ruhigen kompetenten Art aus dem Kernteam nicht mehr wegzudenken. Katja Gennat von Ocean Mind kümmert sich um die Eröffnung, die dieses Jahr spektakulär im Zoologischen Museum unter Walskeletten stattfinden wird. Jan Sellmer steht dem Festival beratend zur Seite und ist in diesem Jahr mit dem CinemaxX Kiel Gastgeber der Preisverleihung.
Das Zentrum für Schlüsselqualifikationen hat mit Daniela Dlugosch und Annika Hartmann das Seminar „CineMare – Komptetent im Event“ angeboten, aus dem unsere drei Praktikantinnen Mila Müller, Jessica Brandt und Anka Frahm hervorgegangen sind. Die Fachhochschule Kiel hat unter der Leitung von Prof. Dr. Tobias Hochscherf und Prof. Dr. Gunnar Eisenberg viele neue Impulse gesetzt, die uns mit Spannung in die Zukunft blicken lassen. Z.B. wird dieses Jahr unsere gesamte Social-Media-Kampagne von Studierenden der FH gemanagt, Eileen Lara Meier, Cnythia David und Lea Sachsenhausen. Kai-Ole Nissen führt gerade eine wissenschaftliche Untersuchung zur Trailer-Rezeption durch. Hierfür hat er eigens drei unterschiedliche Kino-Trailer konzipiert.
Auch im zweiten Jahr zeichnet Barne Peters wieder für den audio-visuellen Auftritt des Festivals verantwortlich.
Neu an Bord – nicht nur in Kiel, sondern auch beim Festival – ist Anna Preuß von der Film Commission Schleswig-Holstein, die zum Festivalabschluss gemeinsam mit der Ocean Mind Foundation eine Hafenrundfahrt auf dem Museumsschiff MS Stadt Kiel veranstaltet. Der Offene Kanal Kiel ist wie immer ein verlässlicher Partner, wenn es darum geht, schnell und konkret zu unterstützen, oder eine Idee fachkundig in Machbares umzustrukturieren. Gemeinsam haben wir z.B. in diesem Jahr zur Kieler Woche beim Meerblicke-Projekt auf der Wiese des GEOMAR das „Blaue Sofa“ initiiert. Auch zur „Digitalen Woche“ gibt es bereits ambitionierte neue Pläne. Das arte-Magazin belohnt seine Abonnenten dieses Jahr mit einer exklusiven Sonderveranstaltung, bei der der Film „Quallen auf dem Vormarsch?“ als aktueller Einblick in die Forschungsarbeit des Kieler GEOMAR-Instituts gezeigt wird. Robert Marc Lehmann ist auf uns zugekommen und verleiht auf dem Festival den von ihm neu gegründeten Jugendfilmpreis. Ganz besonders freuen wir uns, dass in diesem Jahr fast alle Kieler Kinos mit dabei sind: das Kino in der Pumpe, das Studio Filmtheater am Dreiecksplatz, das Metrokino im Schloßhof, das CinemaxX Kiel sowie der Mediendom der Fachhochschule Kiel und ganz neu, als Spielstätte der Kurzfilmnacht, der Luna Club.
Und natürlich spiegeln die qualifizierten Mitglieder unserer Jurys den Qualitätsanspruch von CineMare wieder.

infomedia-sh:
Werdet ihr ausreichend unterstützt? Welches sind die größten Schwierigkeiten, die es für die Durchführung des Festivals zu meistern gilt?

Till Dietsche:
Wir erfahren von allen Seiten großen Zuspruch, viele Leute sagen uns, sie können sich schon jetzt das CineMare gar nicht mehr wegdenken. Das macht uns natürlich sehr stolz. Damit das Meeresfilmfestival weiter wachsen kann, braucht es aber für die Zukunft auch finanzkräftige Unterstützung. Neben finanzieller Unterstützung von Seiten der Film Commission Schleswig-Holstein, Filmkultur Schleswig-Holstein e.V. und unserem Hauptsponsor der Ocean Mind Foundation, wird das Festival aktuell vor allem dadurch ermöglicht, dass das gesamte Team seine Gehälter geschlossen zurückstellt. Daniel und ich finanzieren CineMare zudem in nicht unerheblichem Maße über unsere privaten Konten. Es ist unserer Runde also durchaus noch Platz für finanzkräftige Partner. Partner, die unsere Vision vom Schutz der Meer teilen, und gemeinsam mit uns daran glauben, dass CineMare das Potential zu einem weiteren Alleinstellungsmerkmal im Profil Schleswig-Holsteins hat und von der Kieler Förde aus Strahlkraft in den gesamten Ostseeraum und darüber hinaus entwickeln wird.
Wir als Festivalteam wünschen uns, dass CineMare einen kleinen Teil dazu beitragen kann, die Meere ein Stück weit an Land zu tragen und das Bewusstsein für unseren überwiegend blauen Planeten zu stärken.

infomedia-sh:
Welche Sektionen und Wettbewerbe hat das Festival? Gibt es Highlights, über die ihr euch besonders freut, dass ihr sie im Programm präsentieren könnt?

Till Dietsche:
Unser Team aus Filmemachern, Medienwissenschaftlern, Meeresbiologen und Meeresschützern hat dieses Jahr aus weit über 100 Stunden Material wieder ein sehr engagiertes Filmprogramm zusammengestellt. CineMare versteht sich ja als bewusst interdisziplinär und international aufgestelltes Publikumsfestival. Die Bandbreite der Filme, durch die sich das Thema „Meer“ wie ein blauer Faden zieht, reicht von der Faszination Meer über Meeresforschung und Wissenschaftsdokumentation, Segelsport und Wellenreiten, Meeresschutz und Menschenrechten, bis zu Kunst und experimentellen FullDome-Installationen.
Auch in diesem Jahr haben wir mit „Supermann mit Flossen – der Rotfeuerfisch“ von Ulf Marquardt wieder eine Weltpremiere im Programm. Die Netflix-Produktion „Chasing Coral“ wird bei uns zum ersten Mal in Deutschland im Kino zu sehen sein, und auch die restaurierte Fassung des Heinz-Sielmann-Klassikers „Galapagos – Trauminseln im Pazifik“ läuft exklusiv bei uns auf dem Festival. Wir freuen uns riesig, dem Kieler Publikum gemeinsam mit Dr. Thomas Henningsen die Anfangsjahre von Greenpeace mit dem Film „How to Change the World“ näher zu bringen. Der Film „Seeblind“ war der Publikumsliebling auf vielen internationalen Festivals, und ich bin gespannt, wie er beim CineMare-Publikum ankommt. Aus meiner Wahlheimat Taiwan haben wir den Film „A Town Called Succcess“ im Programm. Die taiwanische Naturfilmerin Joyun Lee, die aktuell an einem Film über europäische Naturfilmfestivals arbeitet, sitzt bei uns in der Jury.
Ganz besonders stolz bin ich aber auf unser Kurzfilmprogramm und die Anerkennung, die es auch international erfährt. Wir waren im letzten Jahr mit diesem Programm zu Gast beim Ile Courts auf Mauritius und beim internationalen Kurzfilmfestival interfilm Berlin. Dieses Jahr werden wir im Anschluss an unser Festival unser Kurzfilmprogramm als „Carte Blanche“ beim internationalen Kurzfilmfestival Off Courts in Trouville in der Normandie präsentieren. Der fiktionale Schweizer Kurzfilm „Bon Voyage“ über zwei Segler und deren moralisches Dilemma, als sie vor der Küste Afrikas auf Schiffbrüchige treffen, wird in diesem Jahr das CineMare eröffnen.

infomedia-sh:
Es gibt auch mehrere Beiträge von schleswig-holsteinischen Filmemachern. Welche sind das und in welchen Sektionen laufen sie?

Till Dietsche:
Neben seiner eindeutigen internationalen Ausrichtung, bekennt CineMare sich mit dem neu eingeführten deutschsprachigen Meeresfilmpreis und dem Jugend-Umweltfilmpreis zur hiesigen Filmszene und zur Nachwuchsförderung. Wir freuen uns darauf, auch eine Bühne für schleswig-holsteinische Filmemacher zu sein, für solche die als Profis z.B. beim NDR die Messlatte natürlich hoch hängen, und für die kommende Generation von Filmemachern aus dem Land zwischen den Horizonten. Es sind sieben Filme und eine 360-Grad-FullDome Installation der Ocean Mind Foundation im Programm.
Die Dokumentarfilme, die die Studierenden meines Sommerkurses, der seit sechs Jahren gemeinsam mit dem Offenen Kanal Kiel über das Zentrum für Schlüsselqualifikationen an der CAU Kiel angeboten wird, werden am 29. August als „Soft-Opening“ im Kino in der Pumpe zu sehen sein. Die Studierenden, die allesamt vorher noch nie Filme gemacht hatten, haben in nur einer Woche ganz wunderbare Filme über Kiel und das Meer gedreht.

Interview: Daniel Krönke