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Filmkultur Schleswig-Holstein e.V.



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Letztes Update:
16. Januar 2018 - 01:00

Verbotenes Lichtspiel #11: „Unter Einfluss“

Die Idee, dass Menschen nicht so handeln, wie es ihnen der „gesunde“ Menschenverstand eingibt, sondern mehr oder weniger die Kontrolle abgeben oder einbüßen, ist fester Bestandteil der Filmgeschichte. Seien es der Psychiater Dr. Mabuse, der Menschen wie Marionetten zu haarsträubenden Verbrechen lenkt, Body-Snatcher-Varianten wie die original haitianischen Zombies, die weniger Menschenfleisch ersehnen als vielmehr einem zünftigen Somnambulismus zuneigen; oder aber diverse Räuberpistolen, in denen sich Netzwerke der Machtausübung entwickeln zwischen Schmiergeldern, korrupten Gesetzeshütern und Drogen jeder Form und Farbe. Und so fort.


Unter dem Einfluss einiger Getränke gilt es daher wieder einmal, sich im Januar und Februar ein paar ganz besonderen Filmen auszuliefern. Jenen nämlich, denen gewisse Erwachsene hysterisch attestieren würden, sie übten einen schlechten Einfluss auf die Jugend aus. Dafür, dass dieser aber der allerbeste ist, sorgen diese sechs sehr unterschiedlichen Filme in sechs wie gewohnt wechselnden Locations in Kiel, die für einen negativen Einfluss nun wirklich viel zu fabelhaft sind.

A WOMAN UNDER THE INFLUENCE, so könnten mehrere Filme des diesjährigen Verbotenen Lichtspiels heißen, wenn nicht ein irrwitziger Alkoholismus-Ehehölle-Klassiker von John Cassavetes schon diesen Namen trüge. Dieser ist aber viel zu bekannt (nicht zu großartig!), um in unseren Kanon des Verfemten aufgenommen zu werden. Wir streunen also wieder abseits des Mainstreams herum (und wagen zum Beispiel SCHRITTE AUF DEM MOND). Diesmal sind aber einige Wege vorgezeichnet, denn große Teile des Filmpersonals stehen UNTER EINLUSS. Ein weites Feld: Manchmal kommen die Kräfte, die den armen Protagonisten den freien Willen rauben, FROM BEYOND, manchmal aber auch aus vielen Flaschen Reiswein, was naturgesetzlich zu einem DRUNKEN MASTER führt. Dagegen ist kein Kraut gewachsen. Krautbasierte Drogen allerdings (oder doch Psychotherapie) lassen eine ganz normale sexsüchtige Frau der Londoner Upper Class als LIZARD IN A WOMAN’S SKIN durch eine verzwickte Mordgeschichte krauchen. In Sektenlaune befindet sich dagegen Schlagerstar Christian Anders (einst nahm er einen tiefen „Zug nach nirgendwo“) und beschäftigt in Festanstellung DIE TODESGÖTTIN DES LIEBESCAMPS. Thematisch ähnlich gelagert, allerdings etwas weniger geheimnisvoll betitelt, kommt THE SECT vom VL-Veteranen Michele Soavi daher.

Alle Filme mit Einführung! Einlass ab 18 Jahren!

Di, 9.1.2018 | 20:30 | Hansastr. 48:

A LIZARD IN A WOMAN’S SKIN


Die Londoner Rechtsanwaltsgattin Carol plagen verstörende und gleichzeitig erregende Albträume, in denen sie sich auf orgiastischen Partys ihrer schönen Nachbarin Julia hingibt. Kurz nachdem Carol ihrem Psychoanalytiker einen Traum vom Mord an Julia beschreibt, wird Julia tatsächlich nach einer LSD-getränkten Party ermordet aufgefunden. Die Tatumstände entsprechen exakt Carols Traum, und sie gerät unter Mordverdacht. Es entspinnt sich ein vielschichtiges Whodunit, in dem bis zum Schluss unklar bleibt, wer hier wen manipuliert.


Der Meister des italienischen Horror-Films Lucio Fulci (EIN ZOMBIE HING AM GLOCKENSEIL) inszenierte mit A LIZARD IN A WOMAN’S SKIN Anfang der 70er Jahre einen der heute meistgeschätzten Giallos. Sehr einfallsreich und durchaus ernsthaft bedient sich sein Drehbuch an den Theorien der Psychoanalyse. Das Abgleiten einer unter dem Einfluss ihrer eigenen Albträume leidenden, weiblichen Psyche in den Wahnsinn liefert eine hervorragende Backstory für Fulcis erotisch aufgeladenen Psycho-Thriller. In allen Bereichen gibt die Produktion Vollgas: Kameramann Luigi Kuveiller gestaltete die Traumsequenzen in farbintensiven Tableaus, mit sogartigen Schnittfolgen und viel Slow-Motion. Die Kompositionen von Ennio Morricone wandeln zwischen softem Sleaze-Score und verstörendem Soundscapes. Die Splatter-Effekte wurden von Special-Effects-Legende Carlo Rambaldi verantwortet. Nicht zuletzt sorgen Florinda Bolkan und Anita Strindberg, zwei der attraktivsten Darstellerinnen des Genres, für erotisches Knistern auf blutroten Seidenlaken.


UNA LUCERTOLA CON LA PELLE DI DONNA/A LIZARD IN A WOMAN’S SKIN, Italien 1971, 103 Min., OmeU. Regie: Lucio Fulci; Idee: Lucio Fulci, Roberto Gianviti; Musik: Ennio Morricone; Darsteller: Florinda Bolkan, Anita Strindberg, Stanley Baker, Jean Sorel, Alberto de Mendoza

Mo, 15.1.2018 | 20:20 | JuMe:

FROM BEYOND


Renè Descartes war der festen Überzeugung, dass die Zirbeldrüse aufgrund ihres engen Verbundes mit der menschlichen Seele eine privilegierte Funktion in unseren Körpern innehabe. Dr. Pretorius ist nicht nur Mad Scientist par excellence, sondern auch Vollblut-Cartesianer, wenn er dieses unterschätzte Organ mittels professioneller Wissenschaftlerei anschwellen lässt und damit nicht nur ein Express-Schlupfloch in eine alptraumhafte Paralleldimension auftut, sondern ergänzend auch den Sexualtrieb der Betroffenen ins Unermessliche zu steigern weiß. Im Anschluss verliert er zwar wortwörtlich seinen Kopf, kehrt nach kurzer Frist jedoch mit bemerkenswerten Veränderungen aus dem Totenreich zurück. Mit den vielfältigen Folgen davon darf sich ein ungleiches Gespann aus traumatisiertem Assistenzwissenschaftler, nervösem Cop und, unter anderem, wissbegieriger Ärztin auseinandersetzen.

Die Symptome: Amorphe Schleim-Monstrositäten, mutierte Körper, verspeiste Hirne, verschreckte Nachbarn.
Die Schauplätze: Dachbodenlabor, Sadomaso-Zimmer, Sanatorium.
Die Verantwortlichen: Sozusagen das gesamte Team von Re-Animator.

Sehr lose nach der literarischen Vorlage H. P. Lovecrafts präsentiert FROM BEYOND ein schmieriges Schreckenskabinett erster Güte, das in Deutschland erst 2013 nach Ablauf der 25-Jahresfrist die Indizierung abschütteln konnte.


FROM BEYOND, USA 1986, 86 Min., OmdU. Regie: Stuart Gordon; Buch: Dennis Paoli; Darsteller: Jeffrey Combs, Barbara Crampton, Ken Foree, Ted Sorel

Mi, 17.1.2018 | 20:30 | BenBriggs:

THE SECT


Michele Soavi ist ein alter Bekannter. In DELLAMORTE DELLAMORE ließ er eine ganze Busladung verunglückter Schüler als uniformierte Zombies wieder auferstehen. In THE SECT geht es im weitesten Sinn auch um zu belebende Kinder. Einmal im Unterricht – die Protagonistin Miriam Kreisl ist Lehrerin – einmal physisch (Spoilergefahr). Eine Manson-artige Sekte terrorisiert friedliche Hippies in Amerika, plant aber auch langfristig, den Einfluss auf Europa auszudehnen, genauer: nach Frankfurt. Dass hier schon vereinzelt Menschen leben, die nicht mehr völlige Kontrolle über ihr Wollen haben, wird schnell klar, aber was hat das mit Miriam zu tun? Und was will der kränkliche alte Mann von ihr, den Genre-Affine schnell als Hexenquäler Herbert Lom identifizieren, der zudem seinerseits in etlichen Filmen unter der genialischen Idiotie seines Kollegen Clouseau zu leiden hat.

Soavi hat mit LA SETTA einen wilden, atmosphärischen Mix aus Argento-Filmen, ROSEMARY’S BABY und einem quicklebendigen Schweißtuch der Miriam gemacht. Es wimmelt von unangenehmen Details und großartigen Set Pieces und mündet in ein erschütterndes und bizarres Finale.


LA SETTA/THE SECT/THE DEVIL’S DAUGHTER, Italien 1991, 117 Min., Ital. OF mit engl. UT. Regie: Michele Soavi; Buch: Michele Soavi, Dario Argento, Gianni Romoli; Darsteller: Kelly Curtis, Herbert Lom, Tomas Arana, Donald O’Brien

Di, 23.1.2018 | 20:30 | Café Godot:

LE ORME (SPUREN AUF DEM MOND)


Wer kennt das nicht? Man wacht an einem Donnerstag auf und hält ihn für einen Dienstag, schiebt das aber zunächst auf die üblichen Gründe: versehentlich etwas länger durchgefeiert vielleicht oder beginnende Amnesie. Nichts Beunruhigendes eben. Alice (Florinda Bolkan), der Protagonistin des Giallos LE ORME, geht es ähnlich, allerdings ist sie dann doch beunruhigt, als nicht nur ihre Vorgesetzten und Kollegen den Kurzurlaub nicht gerade mit Humor nehmen, sondern zu allem Überfluss herauskommt, dass sie die letzten beiden Tage unter dem verwegenen Namen „Nicole“ in dem ihr völlig unbekannten Ferienort Garma verbracht zu haben scheint. Ab nach Garma also, um die Suche nach der verlorenen Zeit aufzunehmen. Als Alice ihr persönliches Wunderland betritt, wird jedoch alles erst richtig verwirrend: Flashbacks aus Alices Kindheit verschwimmen mit Fieberträumen des von einer geheimen Mondbasis aus in die Geschicke der Menschen eingreifenden Schurkenkommandanten „Blackmann“ (Klaus Kinski) und Zitaten aus der Mondlandungs-Dokumentation FOOTPRINTS ON THE MOON aus dem Jahre 1969. Ist Alice wirklich in Garma gewesen? Und Armstrong wirklich auf dem Mond? Wer ist Nicole? Wie macht „Blackmann“ seinen Einfluss auf der Erde geltend? Unter wessen Einfluss stehen wir alle eigentlich? Und wer würde angesichts all dessen nicht in paranoide Wahnvorstellungen verfallen?


LE ORME/SPUREN AUF DEM MOND, Italien 1975, 96 Min., OmU. Regie: Luigi Bazzoni; Buch: Mario Fenelli, Luigi Bazzoni; Kamera: Vittorio Storaro; Darsteller: Florinda Bolkan, Peter McEnery, Klaus Kinski, Lila Kedrova

Do, 1.2.2018 | 20:30 | Luna Club:

DIE TODESGÖTTIN DES LIEBESCAMPS


„I'll be your guide in the loving land of love. Love, love, love.“

Liebe allerorten also. Im Auftrag eben derer und ein klein wenig auch in dem der Hippie-Liebessekte „Children of Light“ missioniert der messianische Jüngling Dorian an malerischen Mittelmeerstränden Nachschub an ahnungslosen jungen Dingern. Da die Sekte zwar sowohl über ein respektables Neverland in den staubigen Hügeln Zyperns, als mit „Der Göttlichen“ auch über die wohl verführerischste spirituelle Führerin aller Zeiten verfügt, Geldmittel aber stets rar sind, kommt die amerikanische Senatorentochter Patricia gerade recht.

Gernre-Erfahrene ahnen hier bereits, eventuell könnte diese Eine ja nicht nur Dorians Glieder sondern auch sein scheinbar so kaltes Herz regen, was aber in einem Liebescamp in dem Monogamie mit Peitschenhieben bestraft wird, zu allerlei Reibereien führen dürfte.

Hauptdarsteller, Regisseur, Drehbuchautor, Produzent und Filmmusikkomponist Christian Anders („Es fährt ein Zug nach nirgendwo“) liefert mit DIE TODESGÖTTIN DES LIEBESCAMPS den wohl unwahrscheinlichsten und irrsten Filme aller Zeiten ab. Von allem, von dem man sich in trister filmischer Alltagskost mehr wünscht, ist als wahrlich reichlich vorhanden. Beispielhaft seien hier erwähnt: Bodenlose Löcher, Tanzszenen, Deflorationszeremonien, Bodybuilder.

Der wundervolle Christian Kessler schreibt in seiner Würdigung: „Wer von diesem Film nicht seine geheimsten Wünsche erfüllt bekommt, der hat eigentlich gar keine geheimen Wünsche, oder zumindest keine nennenswerten“, und hat wie immer recht.


DIE TODESGÖTTIN DES LIEBESCAMPS/LOVECAMP/DEVINE EMANUELLE, D/GR 1981, 81 Min., deutsche OF. Regie: Christian Anders; Darsteller: Laura Gemser, Christian Anders, Simone Brahmann, Gabriele Tinti

Di, 6.2.2018 | 20:30 | Schaubude:

SIE NANNTEN IHN KNOCHENBRECHER (DRUNKEN MASTER)


Superpower-Saufen, wenn das hier Marvel oder DC wäre. Dass dem Drink Dresche folgt, Samstags, Snapshot, Notaufnahme, Deine Stadt. Dass betrunken lustiger ist, Chat von gestern Nacht. Das Beste aus beiden Welten, schlagkräftig betrunken gibt Jackie Chan in DRUNKEN MASTER den jungen Wong Fei-Hung. Um den kaltblütigen Killer Feng-Ho zu besiegen, ob seiner tödlichen Tritte gemeinhin nur „Donnerfuß“ genannt, muss Fei-Hung den „Stil der Acht betrunkenen Götter“von Meister So erlernen, dessen finales Geheimnis der literweise Konsum von Wein vor dem Kampf ist. Eingebettet in einen schlichten Rache-Plot, entfaltet sich eine Meister-Schüler-Geschichte. Der alte, meist arg angetrunkene Meister unterwirft den jungen Wong einem gnadenlosen Trainingsregime, dem dieser sich probiert, auf heiterste Weise zu entziehen.

Der Film hat das Genre der Kung-Fu-Komödie begründet und einen Boom mit zahllosen ähnlich gelagerten Produktionen ausgelöst. Jackie Chan hat er zum Weltstar gemacht, Regisseur Yuen Woo-Ping hat in späteren Jahrzehnten vor allem als Kampf-Choreograf gearbeitet, auch für die Action in US-Produktionen wie THE MATRIX oder KILL BILL zeichnet er verantwortlich. Diese frühe Zusammenarbeit der beiden schwankt zwischen feinst choreografierter Action in Weitwinkelkompositionen und krudem, kalauerndem Humor, der nicht selten an die Spencer-Hill-Filme erinnert.


SIE NANNTEN IHN KNOCHENBRECHER/DRUNKEN MASTER/ZUI QUAN, Hong Kong 1978, 110 Min., OF mit engl. UT. Regie: Yuen Woo-Ping; Drehbuch: Ng See-Yuen; Darsteller: Jackie Chan, Yuen Siu Tin, Hwang Yang Lee


Die Spielorte (Locations) in Kiel: