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Letztes Update:
29. Oktober 2020 - 22:49

Kreativer Protest und die Deutungshoheit

„Der Gipfel – Performing G20“ (Rasmus Gerlach, D 2017)


Die Begleitereignisse des Hamburger G20-Gipfels wirken nach. Die deutsche Öffentlichkeit wird neben Politik und Polizei noch geraume Zeit mit der Aufarbeitung und den daraus erwachsenen Konsequenzen zu tun haben. Das hat erst unlängst wieder das große Medienecho zur bundesweiten Polizeifahndung im Zusammenhang mit den Demonstrationen und gewalttätigen Ausschreitungen vom Juli letzten Jahres deutlich gemacht. Uns allen sind die Bilder von den Protesten, der Polizeigewalt, aber auch von den damit zum Teil einher gehenden vandalistischen Gewalttaten und Zerstörungen durch einen Teil der Demonstranten noch gut in Erinnerung.

Eine Frage aber, die Untersuchungsausschüsse, Polizeifahndung und Medienberichte aufwerfen, ist die Frage nach der Deutungshoheit. Welches Bild bleibt? Mit anderen Worten: was geschah dort, wie verhielten sich Demonstranten und Polizei, wie ist das zu werten, wer trägt für was Verantwortung? In diesem Kontext versucht Rasmus Gerlachs Dokumentarfilm „Der Gipfel – Performing G20“, einen anderen Blick auf die damaligen Geschehnisse zu werfen. Er hat sich vorgenommen, die neue Demonstrationsform der verschiedenen Straßen-Performances, die es im Hamburg gab, in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen zu rücken und so zu dokumentieren, wie viel gewaltfreier, kreativer Protest sich in Hamburg entfaltete.

Dass dies mitunter nicht ganz einfach ist, unterstreicht schon eine der ersten Szenen, in der eine junge Frau Motorhaube und Dach eines gepanzerten Polizeifahrzeuges erklimmt, und die Polizei sie erst nach einigen Anstrengungen wieder herunterbringen kann. Gerlach qualifiziert dies zur „performativen Aktion“ (in neuer Definition des Begriffs „performativ”, der eigentlich nichts mit Performance zu tun hat, sondern aus der Sprechakttheorie stammt), obwohl der Performance-Charakter hier für den Betrachter nicht eindeutig ist, sondern das Ganze auch als bloße spontane Protesthandlung gedeutet werden kann.


Spontaner Protest oder Performance? – G20-Aktivistin auf einem Polizei-Panzer (Fotos: Rasmus Gerlach)
Natürlich kommt auch Rasmus Gerlach an der in Hamburg sich exzessiv gebärdenden Aggression nicht vorbei. Ihren exorbitanten Charakter bezeugt schon sein leicht ironischer Einleitungskommentar „Am Hamburger Schulterblatt hatte ich seit den Kämpfen um die Rote Flora schon viele Straßenschlachten miterlebt. Doch dies war das Gipfel.“ Dem folgen dann verstörende Eindrücke von Gerlachs nächtlichem „Ausritt auf seinem alten Drahtesel“ durch verwüstete Straßen des Hamburger Schanzenviertels. Bilder von mit Blaulicht beleuchteter Zerstörung, gesäumt von Polizei- und Feuerwehrfahrzeugen aller Art, inklusive diverser Wasserwerfer und panzerspähwagen-ähnlichen Vehikeln machen schon in dieser Filmeinleitung das Ausmaß von Konfrontation und Gewalt klar. Und die wenig später interviewte Laurie Anderson, mit deren Song die gespenstige Szene z.T. musikalisch unterlegt wird, befindet sich auf dem Holzweg, wenn sie glaubt, dass die Medien diese Dinge aufbauschend übertreiben würden. Nicht nur diese Bilder am Anfang des Films sprechen einfach für sich, und Gerlach nutzt solche Szenen, um Anderson auf der Bildebene zu widerlegen.

Im Folgendem gelingt es Gerlach, mit diversen Kamerateams nicht nur tief in die Proteste einzutauchen, mit der Kamera nah am Geschehen zu sein, sondern auch unverhältnismäßige Polizeigewalt zu belegen, Interviews einzustreuen und so seine Version und Deutung der Ereignisse zu liefern. Eine besondere Aufmerksamkeit gilt aber den kreativen und z.T. nachhaltig beeindruckenden Performance-Aktionen. Der Film zeigt Einzelakteure wie die kuriose, maskierte Rollschuhfahrerin mit Klobürste, die gelenkig ihre flotten Volten durch die Protestpassanten schlägt, und den unermüdlichen Schlagzeuger aus Israel, der zur eingespielten Musik seiner Drums in die Nacht „schießt“. Aber auch spektakuläre Aktionen, wie den Versuch, das Klassikkonzert für die Politiker in der Elbphilharmonie durch Jimmy Hendrix’ Disharmonien zu stören, die vom Boot aus über die Elbe gedröhnt werden, oder in einem Rückblick auf 2015 die Performance „The Clash“, die beängstigend realitätsnah Gewalt gegen die Polizei nachstellt und dann übergangslos mit der realen Aggression im Hamburger Juli 2017 kontrastiert wird.

Den Performances zweier bemerkenswerter Gruppen widmet sich Gerlachs Film ausführlicher. Da ist zum einen der mit z.T. wechselnden Mitgliedern besetzte weibliche „Megafonchor“. Er umfasst bei den Aktionen in der Regel weniger als ein Dutzend Mitglieder, von denen ein jedes mit einem Megafon ausgestattet ist. Sie setzen mit ihren über das Megafon gestreuten beschallenden Klängen und (z.T. auch sprechchorartigen) Gesängen akustische Ausrufezeichen und erzielen zugleich durch ihren leicht durchchoreografierten, kostümierten Auftritt und die doch auffällige Ansammlung von Megafonen auch optisch Aufmerksamkeit. Man ist geneigt, in dem Gebrauch ihrer Beschallungsinstrumente einen ironischen, verfremdeten Kommentar auf die polizeilichen Lautsprecheransagen aber auch auf die Demonstrantendurchsagen zu sehen.


Performance des Megafonchors
Geradezu spektakulär kommt die „Performance der 1000 Gestalten“ daher. Uniformiert mit grauer, kalkartiger Farbe bzw. Schminke, die Kleidung, Haut und Haare mit einem Farbton von kahler Versteinerung überziehen, staken Hunderte von Akteuren, die jeden Schritt abgehackt und mit plumper Langsamkeit setzen, wie ein Heer von Zombies bedrohlich und unaufhaltsam durch die Hamburger City. Stumm und starr, mit leblosen Blick, in dem das Leid eingefroren zu sein scheint. Akustisch begleitet nur von dem monotonen Geklacker ihrer Klicker setzen sie ein Menetekel von bedrohlicher Erstarrung auf die Straßen und Plätze, die sie durchwanken. Der Appell zur politischen Partizipation, zur Teilhabe am politischen Prozess und Mitverantwortlichkeit eines jeden für unsere Gesellschaft, den die Organisatoren dieser Performance damit zum Ausdruck bringen wollen, lässt sich allerdings bestenfalls von ihrem Ende her erkennen. Dieses steht im Zeichen der Befreiung. In einer Welle von Wiederbelebungen erwecken sich die morbiden Gestalten, streifen einander unter aufatmenden Jubel ihre fahlen Gewänder ab, springen splitternackt in den Fleet und waschen sich dort das tödliche Grau vom Leib.


Eindrucksvolle Performance: der Marsch der 1000 Gestalten
Das Verdienst des sehenswerten Films besteht darin, der Performance als moderner Protestform neues dokumentarisches Interesse entgegen zu bringen. Mit ihren vielfältigen kreativen Ideen sind solch geartete Performances geeignet, dem friedlichen Protest neue Aufmerksamkeit zu bescheren und so dem gewalttätigen Missbrauch von Demonstrationen eine aggressionsfreie, durchaus medienkompatible Alternative entgegenzustellen. Freilich zeigt auch dieser Film, dass man sich keine voreiligen Hoffnungen machen sollte. Von Anfang an werden die bunten Szenen des kreativen friedlichen Protests von Bildern der Gewalteskalation überschattet. Was bleibt, ist die bemerkenswerte Ambivalenz zwischen Aktionskunst als neuem Protestmittel und der z.T. bürgerkriegsähnlichen Gewalt zwischen Demonstranten und einer „Polizeistreitmacht“ von über 20.000 Polizisten. (Helmut Schulzeck)

„Der Gipfel – Performing G20“, Deutschland 2017, 77 Min.; Regie, Buch und Produzent: Rasmus Gerlach; Kamera: Max Bryan, Irene Bude, Doro Carl, Birgit Dunkel, FCMC, Markus Fiedler, Mario Gehrke, Rasmus Gerlach, Ronald Goris, Maren Grimm, Paul Kulms; Schnitt: Elisabeth Hirsch; Bildtechnik: Martin Heckmann; Musik: Laurie Anderson, Lou Reed, Oded Kafri & Die Goldenen Zitronen; Mischung: Stephan Konken; Performer: Megafonchor, Therese Schneider, Justus Schwerdtfeger, Schwabinggrad Ballett; Produktion: Kinoki GmbH.
Der Film ist als Kieler Erstaufführung in Anwesenheit des Regisseurs Rasmus Gerlach in der Kieler Filmreihe FilmFörde am 8.2.2018, 19 Uhr im KulturForum zu sehen.