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Letztes Update:
26. September 2018 - 01:30

Liebe auf die erste Leinwand

Interview mit Sven Bohde, Filmemacher und Organisator von „Verguckt – Kino für Singles“


Infomedia: Sven, du bist Filmemacher, aber seit einem Jahr auch mit einem neuen Projekt auf Tour. Was ist „Verguckt – Kino für Singles“?

Sven Bohde: Das fragen sich die Zuschauer*innen auch. Oft fragen sie: „Welcher Film wird denn gezeigt?“. Ich sage dann immer: „Ist doch egal, kommt hin und lasst euch überraschen.“ Es werden Kurzfilme zum Thema Liebe gezeigt, und mehr will ich gar nicht sagen. Ich möchte, dass sich das Publikum überraschen lässt, so wie es mit der Liebe ja auch ist. Man weiß nicht, welche Filme laufen, und man weiß nicht, wen man trifft und ob es was wird. Es ist ein Abend, an dem alles passieren kann, und ich hoffe, dass die Zuschauer*innen diesen Mut in doppelter Hinsicht aufbringen und hingehen, um Leute zu treffen, die sie nicht kennen, aber auch Filme sehen, bei denen sie nicht schon aus Trailershows wissen, „den mag ich und den nicht“. Ich garantiere aber, dass bei diesen 7-8 Filmen, die ich zeige, für alle etwas dabei ist. Ich gebe mir große Mühe bei der Auswahl. In erster Linie gefallen mir die Filme, ich würde nie einen Film zeigen, der mir nicht gefällt.
Ich habe oft einen großen Festivalsieger dabei, aus Cannes oder vom Oscar. In meinem ersten Programm hatte ich aus Cannes den Film „Timecode“ (Juanjo Giménez Peña, ESP 2016), in dem sich in einem Parkhaus das Sicherheitspersonal ineinander verliebt. Dann zeige ich ausgewählte Klassiker, z.B. „Nie solo sein“ (Jan Schomburg, D 2004). In dem Film bewegen sich alle rückwärts, außer einem Mann, der anders ist und dadurch große Probleme hat, am Ende aber trotzdem seine Liebe findet. Dann habe ich einen Schwerpunkt auf Filmen aus Schleswig-Holstein und Hamburg, da habe ich immer mindestens einen im Programm, neulich z.B. „Date op de Diek“ (Lara Pansegrau, D 2017). Ich möchte auf jeden Fall mein Programm auch dafür nutzen, die hiesige Filmszene zu zeigen. Ich komme hier vom hundertsten ins tausendste. Ich merke, dass ich ein ganz anderes Publikum anspreche als andere Kurzfilmfestivals in Kiel, wie z.B. im Luna oder beim Filmfest, und die hatten bisher kaum Kontakt mit Kurzfilm. Die kommen nicht in erster Linie wegen der Kurzfilme, sondern eher wegen des zweiten Angebots, der Singles. Gerade deshalb will ich diesem Publikum zeigen, was Kurzfilme sind und welche Kurzfilme produziert werden.


Hast du mittlerweile ein treues Publikum oder regelmäßig viele Erstbesucher?

Ich frage mein Publikum immer mal wieder, wer schonmal bei „Verguckt“ war, weil ich hoffe, dass die, denen die Kurzfilme gefallen haben, deshalb auch wiederkommen. So ist es aber scheinbar nicht. (Lacht.) Vielleicht haben aber auch alle immer sofort jemanden gefunden. Würde mich freuen. Ich merke aber, dass die Filme sehr gut ankommen. Bei den lustigen Filmen wird sehr viel gelacht, bei den ruhigeren sind die Leute sehr berührt und hinterher wird sehr viel darüber geredet. Aus meiner Sicht, darf sich das gerne zu einer Kurzfilmplattform entwickeln, bei der die Leute wissen, dass die Filme Qualität haben und man da einen schönen Abend haben kann.

Was überwiegt aus deiner Sicht: Ist „Verguckt“ ein Abend für Singles oder ein Kurzfilmabend?

Klar ist es beides zusammen, aber in erster Linie ist es ein Abend für Singles. Die Idee entwickelte sich aus der Frage, was für Angebote man für Singles neben modernen Dating-Apps schaffen könnte. Ich wollte dann unbedingt einen Single-Abend im Kino machen und den Kinosaal, der ja sonst oft ein Ort für erste, zweite, dritte Dates ist, nutzen, um Leute zusammen zu bringen. Das funktioniert dadurch, dass ich zwischen den Filmen den Saal erleuchte und mit den Leuten ein bisschen ins Gespräch komme, auf dass die schon mal sehen können, wer da so ist, und später trifft man sich dann in der Bar. So gesehen ist es also klar ein Angebot für Singles, und das wird auch gut angenommen. Es sind regelmäßig zwischen 70 und 120 Zuschauer*innen da, und interessanterweise spricht es, von mir nicht erwartet, auch ein älteres Publikum an. Beim ersten Mal waren zwei 70-jährige Damen da, um die Liebe neu zu suchen, auch weil für die Online-Dating nicht in Frage kommt. Ich hatte das nicht bedacht, aber natürlich hat man in allen Altersgruppen Singles und wenn das auch für Senioren eine Möglichkeit ist, noch einmal jemanden zu finden, mit dem man eine tolle Zeit haben kann, dann ist das super. Momentan ist jede*r fünfte Single. Das sind allein in Kiel bestimmt 40-50.000 Singles. Da sind einfach viele Menschen, die suchen, und die spreche ich in erster Linie an, aber natürlich spricht die Kombination mit den Filmen ein dafür begeisterungsfähiges Publikum an.


Sven Bohde vor Filmplakat für „Verguckt“ (Fotos: Sven Bohde)
Ist Kino auch deshalb ein gutes erstes Date, weil man direkt wichtige geschmackliche Gemeinsamkeiten und einen Wertekanon überprüfen kann?

Unbedingt. Ich glaube, dass Kino für ein erstes Date überhaupt nicht funktioniert. Es ist dunkel, und du kannst nicht reden. Für ein zweites Date vielleicht. Bei „Verguckt“ ist es aber so, dass jede*r erstmal für sich schaut, aber durch die Emotionen, die im Saal entstehen, wird das Publikum fast zu einer homogenen Gruppe. Es wird gemeinsam gelacht, man ist gemeinsam gerührt, es wird sogar wirklich auch geweint. In der Moderation gebe ich dann immer den Tipp, einfach mit der Frage nach dem Lieblingsfilm zu starten. Meiner Erfahrung nach, ist bei den Gesprächen danach aber auch das Daten selbst ein großes Thema. Das ist mir dann aber auch egal, Hauptsache sie kommen miteinander ins Gespräch.

Wie groß ist der Anteil, den deine Moderation an dem Abend einnimmt?

Ich versuche, das sehr dezent zu halten. Ich erzähle ein bisschen was über Kurzfilme, den jeweiligen Film und mache ein Spiel während des Abends. Das erlaube ich mir dann doch. Einmal sollten zwei aus dem Publikum berühmte Zitate aus Filmklassikern aufführen und das Publikum raten. Auch dabei war die Stimmung super. Bei den Gesprächen in der Bar will ich dann gar nicht mehr moderieren, auch wenn sich das immer mal wieder Leute wünschen. Das entspricht aber nicht meiner Vorstellung, und tatsächlich kriegen die das auch gut hin. Bei manchen dauert das ein bisschen, aber am Ende klappt es gut.


Sven Bohde bei der Moderation
Kommen Deine Zuschauer*innen eher alleine oder zu zweit?

Sehr unterschiedlich. Es war tatsächlich ein Einfall, bei der Pressearbeit zu sagen, nehmt doch eure*n beste*n Freund*in mit. Auch um die Hemmschwelle abzubauen, allein ins Kino zu gehen, was auch losgelöst von der Single-Frage viele einfach nicht gerne machen. Ein Drittel etwa traut sich und kommt alleine, eine Drittel mit bester Freundin, bestem Freund und ein Drittel als große Gruppe. Vierer- oder Fünfergruppen, Berufskolleg*innen oder Kumpels. Das ist aber für hinterher nicht ganz einfach, weil sich diese Gruppen dann auflösen müssen, damit jede*r einzeln auf die Suche gehen kann. Auch für die anderen ist der Umgang mit einer Gruppe nicht ganz einfach.

Was sind die Themen der von dir ausgesuchten Filme? Ist es sinnvoll, Menschen auf der Suche einen Abend lang Filme mit verliebten Paaren zu zeigen?

Alle Filme des Abends haben mit dem Thema Liebe zu tun. Sind dann aber sehr unterschiedlich. Viele haben mit dem ersten Kontakt zu tun, der Liebe auf den ersten Blick. Dann gibt es Filme, die das Thema Date thematisieren. Wirkliche Beziehungsfilme zeige ich nicht. Zeigen, was alle haben wollen, mache ich nur indirekt. Ich habe einen schönen Film, bei dem Rentner*innen beim Tanzcafé erzählen, was das Schöne an langen Beziehungen und der Liebe ist („Young Hearts“, Nadine Schrader und Julia Wilczok, D 2015).
Ich lege bei der Auswahl aber starken Wert auf Überraschungen, gerade weil es so vieles gibt, das bei klassischen Liebesfilmen immer und immer wieder erzählt wird. Mir wurde bei einem Programm rückgemeldet, dass aufgefallen sei, dass alle Filme traurig enden. Stimmte tatsächlich. Am Ende eines Filmes stand sogar eine Urne. Liebe ist einfach ein Thema, das in alle Richtungen gehen kann. Du kannst sehr glücklich sein, du kannst aber auch einfach melancholisch, traurig, verletzt sein. Das gehört alles mit dazu. Aber ich glaube, dass alle Filme Hoffnung machen. Wenn ich nur Happy-Ends zeigen würde, würde das sehr schnell langweilig werden. Das könnten die Leute irgendwann nicht mehr sehen. Wahrscheinlich sind es eher Langfilme, die Happy-Ends brauchen, ein Kurzfilmabend braucht Abwechslung und ist auch deshalb näher an der Realität. Da geht ja auch nicht immer alles gut aus.

Wie international ist dein Programm? Spielen kulturell unterschiedliche Arten, Liebe zu leben und zu erzählen, eine große Rolle für dich bei der Auswahl?

Es ist ein riesiges Genre. Die Erzählweisen unterscheiden sich, die Stile unterscheiden sich. Beim Kurzfilm kann man sehr einfach international werden. Die Sprache spielt natürlich eine große Rolle. Anders als beim Langfilm kommen viele Filme ganz ohne gesprochene Sprache aus. Ich bin mir nicht sicher, ob die Leute glücklich wären, wenn sie ein ganzes Programm hindurch immer Untertitel lesen müssten. Das sind die meisten in Deutschland einfach nicht gewohnt, und ich möchte, dass sie nicht von ihren Gefühlen abgelenkt werden. Wenn man aber einen oder zwei untertitelte Filme hat, ist das kein Problem. Ich will diese Internationalität aber unbedingt haben. Gerade in Kombination mit dem Schwerpunkt Schleswig-Holstein.

Mir ist übrigens aufgefallen, dass weltweit sehr viele Liebesfilme in Verkehrsmitteln spielen. Ich könnte ein ganzes Special machen mit Liebe in Bussen. Solche Dinge fallen einem auf, wenn man so viele Filme aus der ganzen Welt schaut, und dann wird einem klar, dass zwar einiges überall gleich funktioniert, dass der Blick darauf aber immer ein anderer ist. Wenn ich einen Abend nur mit Filmen über Liebe in U-Bahnen machen würde, wären das acht komplett unterschiedliche Filme.

Was wären denn jenseits des Alltags spannende Situationen, in denen sich in deinen Filmen kennengelernt wird?

Ich habe einen tollen finnischen Film gesehen, in dem Katzenbesitzer*innen ihre Katzen zusammenbringen um sich zu verlieben. Das ist natürlich kurios.

Wie viele Liebeskurzfilme hast du bis jetzt gesichtet. Hast du noch Spaß?

Ich muss zugeben, so viele waren es noch gar nicht. Ich konnte mich an einige erinnern, die ich mir wieder besorgt habe und die jetzt im Programm sind. Während ich mit meinem letzten Film als Filmemacher auf Festivals eingeladen war, habe ich natürlich einiges gesehen, und da waren welche dabei, die ich sofort haben wollte. Auch über kommerzielle Verleiher habe ich einiges gefunden, genau wie bei Youtube und Vimeo. Ich freue mich aber darauf, noch viele Filme zu entdecken.

Geht es in den Filmen immer um heterosexuelle Liebe oder ist das gemischt?

Tatsächlich gibt es in der Reihe auch ein Special für die LGBTI*-Community (2.7.2018 im Studio Filmtheater in Kiel). Gleich nach dem ersten Mal kamen bei Facebook Nachfragen in diese Richtung und weil ich das auch schon überlegt hatte, hat mich das sehr gefreut, dass es auch da Interesse an dem Angebot gibt.

Glaubst du, dass es für dein Publikum bei den heterosexuellen Veranstaltungen eine spannende Erweiterung des Blicks auf Liebe wäre, wenn sich zwei Männer oder zwei Frauen in der U-Bahn verlieben?

Ich glaube, dass Liebe total universell ist, es sei denn, man ist ein völlig engstirniger Mensch. Ansonsten ist Liebe so universell, dass wir jetzt hier auf dem Tisch eine Liebessequenz zwischen der Kaffeekanne und der Tasse inszenieren könnten – und Zack hätten wir einen Liebesfilm. Ich hatte jetzt einen Film im Programm über einen kleinen Jungen, der die erste große Liebe findet. Alter spielt keine Rolle, geschlechtliche Ausrichtung tut es nicht, auch in einem Animationsfilm wird sofort klar, worum es geht. Ein Film, in dem es um gleichgeschlechtliche Liebe geht, kann Heterosexuellen genauso gefallen, jede*r von uns hat eine Vorstellung von Liebe, auch wenn man es oft nicht erklären kann. Es ist einfach ein elementarer Bestandteil unseres Lebens, und deshalb funktioniert Film auch so universell.

Hast du denn nach der Arbeit mit dem Programm Lust, einen Liebesfilm zu drehen?

Ich habe auf jeden Fall zwei oder drei Ideen dadurch bekommen. Ich fände es toll, einen Film zu drehen, um ihn dann in dem Programm zu zeigen.

Dann für diese Filme und dein Projekt im Ganzen viel Erfolg und vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Felix Arnold.


Die nächsten Termine von Verguckt:
  • 27. September 2018, Studio Filmtheater in Kiel
  • 25. Oktober 2018, 51 Stufen Kino in Flensburg