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Filmkultur Schleswig-Holstein e.V.



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Letztes Update:
10. Dezember 2019 - 09:11

Warum wird die Filmwerkstatt Kiel der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein auf Hamburger Kurs gebracht?

Eine kommentierende Bestandsaufnahme und Vorausschau von Helmut Schulzeck


Bis heute gibt es unter dem gemeinsamen Dach der 2007 zur Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein (FFHSH) fusionierten öffentlichen Fördereinrichtung zwei unterschiedliche Förderansätze, die den jeweiligen spezifischen Situationen in den beiden Bundesländern Rechnung tragen. Jetzt strebt Helge Albers, seit dem 1. April 2019 neuer Geschäftsführer der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein (FFHSH), mit kraftvollem Engagement eine Umgestaltung seiner Filmförderinstitution und da besonders des schleswig-holsteinischen Teiles, der Filmwerkstatt Kiel, an.

Ein kurzer Blick auf die beiden Standorte der Filmförderung mag die unterschiedlichen Ausgangspositionen und aktuellen Verhältnisse bzw. Anforderungen, denen die FFHSH gerecht zu werden versucht, beleuchten. Erste Unterschiede der Projektförderungen zeigen sich naturgemäß schon in den Höhen der finanziellen Mittel, mit denen die beiden Standorte Hamburg und Kiel ausgestattet sind. So vergab Hamburg 2018 rund 12,3 MIllionen Euro Förderung an Projekte und anderes, während sich Schleswig-Holstein sich mit insgesamt rund 203.000 Euro Förderung für 31 Projekte signifikant im Low-Budget-Bereich betätigte. In Hamburg handelt es sich um bedingt rückzahlbare Darlehen, in Kiel um Zuschüsse, die nicht zurück gezahlt werden müssen (Mehr Zahlen zur Thematik finden sich in diesem Newsletter unter der Überschrift „Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein (FFHSH): Zahlen des Förderungsjahrs 2018 aus Sicht eines schleswig-holsteinischen Filmemachers“)

Dass die beiden Standorte so unterschiedlich mit Finanzen ausgestattet sind, hat seine Ursache in den strukturellen und ökonomischen Gegebenheiten, die im Übrigen bisher auch in den unterschiedlichen Fördermodellen ihren adäquaten Niederschlag finden.

Der Medienstandort Hamburg kann ein voll entwickeltes, auch international beachtliches Potential als Produktionsstandort für Film und Fernsehen in die Waagschale werfen. Mit einer intakten prosperierenden Film- und Fernsehwirtschaft, unterschiedlichen Aus- und Weiterbildungseinrichtungen und einer kreativen cineastischen Kultur und Subkultur, für die neben einer vielfätigen Kinolandschaft auch das Filmfest Hamburg bürgt, weiß die Hansestadt sowohl wirtschaftlich als auch kulturell zu punkten.

Ganz anders sieht es bis heute in Schleswig-Holstein aus. Trotz verschiedener Bemühungen durch Stärkung der Infrastruktur eine Filmwirtschaft im Lande zu installieren, ist man letztlich in toto betrachtet über die Etablierung relativ weniger mittelständischer und kleinerer Produktionsfirmen nicht hinausgekommen. Hat man in Hamburg eine Filmbranche, die im Wettbewerb mit München, Berlin/Brandenburg und Nordrhein Westfahlen steht, mit Studio Hamburg einen großen TV-Produktionsort zu bieten hat und selbst in Cannes und bei der Oscarverleihung für deutsche Verhältnisse relativ erfolgreich mit dabei ist, ist man im Urlaubsland zwischen den Meeren schon stolz und zufrieden damit, dass sich die Begriffe „Filmszene“ und „Filmcommunity“ als selbstverständlich für die filmende Klientel eingebürgert haben und für eine gewisse gemeinschaftliche Identität sowie für ein wachsendes Selbstbewusstsein stehen. Einer firmenmäßig relativ kleinen regionalen Branche steht hier eine zahlenmäßig durchaus nicht geringe Anzahl von „Einzelkämpfern“(unter anderem auch so genannte "Rucksackproduzenten") und Nachwuchskräften gegenüber, die sich bei Bedarf auch zu größeren Filmprojekgruppen zusammen finden und mit ihren in den örtlichen Kinos abgefeierten Filmen zumindest regional in den letzten Jahren eine erstaunliche Erfolgsgeschichte geschrieben haben.

Filmförderung bedeutete hier von Anfang an bis heute Basis- und Nachwuchsförderung, Förderung von Dokumentar- und Experimentalfilmen, die ihre Lowbuget-Finanzierung mit Einfallsreichtum, Originalität und unermüdlichen Einsatz bis zur Fremd- und Selbstausbeutung wett machen müssen. Kurzfilme beherrschen das Feld, lange Spielfilme sind eher die seltene Ausnahme. In einer Förderlandschaft, in der chronische Unterfinanzierung eher die Regel ist, hat das Wort „Fehlbedarfsförderung“ einen besonderen Klang. Chronische Lästerzungen behaupten ganz unfair, man spiele hier Filmemachen. Dabei haben Kategorien wie Amateur und Profi ihren Aussagewert hier längst verloren.

Warum hier die relativ ausführliche Beschreibung den hiesigen Istzustandes? Nun, weil die bisherige Förderungspraxis, die dieser Situation angepasst war und von der schleswig-holsteinischen Landesregierung nicht zuletzt auf Drängen der hiesigen Filmschaffenden ehemals zur Bedingung für die Fusionierung gemacht wurde, jetzt revidiert werden soll. Es bahnt sich gerade relativ geräuschlos eine Neuaufstellung der Filmwerkstatt Kiel und ihrer Förderinstrumente an, die aller Wahrscheinlichkeit nach die Aufgabe ihres autarken Status' unter dem gemeinsamen Dach der FFHSH bedeutet.

Das hört sich in seiner Abstraktheit erst einmal ziemlich harmlos an, hat aber bedeutende Konsequenzen für den hiesigen Standort und seine Klientel. Wobei aber auch fairer Weise der Vorbehalt zu machen ist, dass es bis auf wenige Tatsachen noch keine endgültigen Entscheidungen gibt, weil sich das Ganze noch in der internen Diskussion befindet. Jedoch lässt bei aller Spekulation dann doch bisher bekannt Gewordenes schon die Auskunft darüber zu, wohin die Reise wohl gehen wird.

Wenn im Zusammenhang mit dieser Umgestaltung der „Kieler“ Filmförderung gerne von einer „Stärkung des Standortes“ die Rede ist, so bezieht sich dieser (fromme?) Wunsch in der Hauptsache auf zwei zukünftige Hauptanliegen der Filmwerkstatt. Zum einen soll wohl das sogenannte Kerngeschäft, die „Projektförderung“, finanziell ausgebaut und auch für die Hamburger Klientel als neue Fördermöglichkeit geöffnet werden. Zugleich müssen Abläufe und Regularien, wie z.B. die Ausgestaltung der Förderrichtlinien für diesen dritten Fördertopf, den Hamburger Regeln im Sinne einer Vereinheitlichung angepasst werden.

Den Schleswig-Holsteinern, die bisher quasi in einem „Förderungsbiotop“ einen gewissen „Artenschutz“ vorfanden, wird in Zukunft ein anderer, kühlerer Wind um die Nase wehen. Aber bekanntlich soll ja Konkurrenz das Geschäft beleben. Wenn auch die Frage erlaubt sein muss, wo und wie denn jetzt die speziellen Bedürfnisse der schleswig-holsteinischen Filmemacher*innen befriedigt werden können und ob nicht jetzt nach einer Karenzzeit von 12 Jahren seit der Fusion der beiden Filmförderungen die hiesige Förderinstitution als autonome Einheit von der Hamburger Zentrale unter dem „gemeinsamen Dach“ „geschluckt“ werden wird.

Fragezeichen auch beim zweiten großen VOrhaben, dem Plan, in der Filmwerkstatt Kiel durch ein verstärktes Seminarangebot quasi ein Weiterbildungszentrum in Sachen Filmpraxis errichten zu wollen. Von wo sollen die vielen zahlungskräftigen Interessenten dafür regelmäßig herkommen, die hier ein stark ausgebautes Angebot an filmischer Weiterbildung wie einen kleinen Filmhochschulersatz goutieren dürfen?

Auch scheinen die letzten übrig gebliebenen Ideen des schleswig-holsteinischen Modells einer Kulturellen Filmförderung für ein selbstbestimmtes autonomes Filmschaffen, in dem der Begriff Filmkultur zum Leitgedanken erhoben wurde, endgültig ausgedient zu haben. Die hiesige Kulturelle Filmförderung stand lange Zeit, auch als sie fusionierter Bestandteil der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein war, für ein findiges Modell von einer kleinen finanziellen Filmprojektförderung gepaart mit praktischer Betreuung und Hilfe, sei es zum Beispiel durch einen kostengünstigen Equipmentverleih zum Kulturtarif, sei es durch Beratung der etatmäßig niederschwelligen Produktionen während aller Stadien ihrer Herstellung.

Was aus diesem Werkstatt-Charakter der Kieler Dependance der FFHSH letztendlich werden wird, für den die Filmförderung hierzulande stand wie nirgendwo sonst in der Republik, bleibt abzuwarten. Mann und Frau machten aus der Not der knappen finanziellen Mittel eine Tugend. Sie schufen ein tragfähiges Modell der Filmförderung der Filmemacher*innen, das sich zum Teil am früheren Vorbild des Hamburger Filmbüros (gegründet 1979) orientierte. Für ein Learning By Doing wurde substantielle Unterstützung selbst noch denjenigen zu Teil, die keine finanzielle Projektförderung erhalten hatten.

So gab es für die Kulturelle Filmförderung Schleswig-Holstein einen glücklichen, weil gelungener Ansatz, der im großen Ganzen nicht nur die ersten 18 Jahre funktionierte, sondern sogar die von der Landespolitik in Hamburg und Schleswig-Holstein initiierte Fusion überstand, weil er von allen Beteiligten akzeptiert und gewollt wurde. Eine Nachwuchsschmiede im Kleinen per Exzellenz und ein kultureller Hotspot, der für die Lebendigkeit und Kreativität von regionaler Filmarbeit stand. Die Filmförderung war hier auch für die „kleinen“ Filmschaffenden ein zuverlässiger Partner und Lobbyist.

Die Ironie des Schicksals will es nun, dass das, was einst als kulturelle Filmfördernische von Hamburger Vorbildern inspiriert, erfolgreich auf die begrenzten Möglichkeiten Schleswig-Holsteins zugeschnitten worden war, voraussichtlich für ein anderes „Hamburger Modell“ „einkassiert“ zu werden droht.