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29. Oktober 2020 - 22:49

Blick in die kinematographischen Erinnerungsarchive (7):

Multiplexiert: Der lange Abschied der Ufa-Kinos im Kiel der 90er Jahre

Hieß es in den 60er Jahren noch eher gemütlich einladend, „Mach Dir ein paar schöne Stunden, geh’ ins Kino!“, so folgte in den 80ern die schlichte Aufforderung: „Komm, wir geh’n ins Kino!“, die auf einem bunten Logo eine flotte Teeny-Rothaarige umrundete, aus deren Gesäßtasche zwei Eintrittskarten hervorlugten. Schon zu seiner Zeit wirkte die grafische Umsetzung dieser Werbung beinah nostalgisch, um nicht zu sagen altmodisch.

In den 90er Jahren schließlich sollte das „xX“ von CinemaxX zum Symbol einer neuen Kinokultur werden, die nicht nur viele verstaubte Schachtelkinos hinwegfegte, sondern auch etliche Traditionshäuser, deren klassische Innenarchitektur und Ausstattung man lange Zeit eher hatte verkümmern lassen, statt sie zu pflegen.

So waren die 90er Jahre auch für die Kieler Kinolandschaft sehr turbulent und wechselhaft. Neben erfreuten Willkommensgrüßen gab es auch ein ausgedehntes Abschiednehmen. Und als das Jahrzehnt ausklang, war bei weitem nicht überall eitel Sonnenschein. Die damalige Strukturkrise der Alt-Kinos lässt sich nur schwer mit den heutigen Existenz-Problemen der gesamte Branche vergleichen. Doch erhitzte sie bei den Betroffenen die Gemüter ähnlich stark.

Zwar hatten die kommunalen Kinos und die Programmkinos / Arthouse-Filmtheater frischen Wind auf die Leinwände gebracht und sich ein beachtliches Stammpublikum erspielt. Aber bei den meisten alteingesessenen Kinos verfing das wenig. Dort dümpelte die Konkurrenz vielerorts behäbig vor sich hin. Man ergab sich dem Alltagsgeschäft, hoffte auf bessere Zeiten, ohne zeitgemäße Zukunftspläne zu entwickeln, geschweige denn zu verfolgen. Und mit europäischen Produktionen, deutschen Autorenfilmen, Filmkunst und Filmgeschichte konnte nur wenig Staat gemacht werden. Man orientierte sich größtenteils am Massengeschäft mit der dominierenden US-Ware aus Hollywood bzw. glaubte, sich daran orientieren zu müssen, um zu überleben.

Doch als dann Anfang März 1991 Hans-Joachim Flebbe sein erstes CinemaxX-Kino in Hannover aufmachte, führte er der Konkurrenz vor, wie Massen-Kino am „Kassengold“ profitieren kann. Er bot gewinnträchtigen Blockbustern eine adäquate Heimstätte: so genannte Multiplexe mit großen und großzügigen, voll klimatisierten Kinosälen mit freiem Blick von jedem Platz auf große Breitband-Leinwände, mit einer erstklassigen Projektion inklusive einem perfektem Dolby-Stereo-Ton.

Das hatte kaum eines der alten Kinos zu bieten. Auch der Kinoplatzhirsch in der alten BRD, die Ufa-Theater-Betriebe, kamen ins Schwitzen. Zwar hatte man den Vorteil, schon relativ lange vor Ort zu sein und den lokalen Kinomarkt zu kennen. Doch das konnte auf Dauer nicht genug sein für den nun von Flebbe eröffneten Konkurrenzkampf, zumal auch noch andere Mitbewerber auf dem Multiplex-Spielfeld mitmischen wollten.

Nicht nur aus Cineasten-Sicht kam man in Kiel schon 1980 vom Regen in die Traufe. Klaus Scepanik verkaufte seinen gesamten im Laufe der Jahre schon geschrumpften Kieler „Kinopark“ (Metro, Studio, Brücke, Central, Regina), der schon für rund anderthalb Jahrzehnte eine monopolartige Stellung in der Fördestadt hatte, an den Ufa-Kinokonzern von Heinz Riech. Dieser richtete es sich mit einem gelassenen Phlegma und seiner schon damals berüchtigten Schachtelkino-Strategie in aller Konsequenz bequem in der neuen Situation ein.

Mit Übergabe an den neuen Eigentümer am 1. August 1980 wurde dem Kieler Geschäftsführer der Kinos, Herrn Ludwig, einem altge- und verdienten „Kämpen“ aus dem Scepanik-Betrieb, die Programmierung für vier Kinos entzogen. Diese wurde in die zentrale Programmierung für Norddeutschland in Hamburg integriert. Herr Ludwig musste sich von jetzt ab mit der Programmgestaltung fürs Regina begnügen.

Betriebswirtschaftlich auf den Gesamtkonzern bezogen war diese Entscheidung sinnvoll und damit fast zwingend. Denn es ließen sich bei gemeinsamen Filmbuchungen zusammen mit anderen Ufa-Kinos in weiteren norddeutschen Städten bessere Rabatte bei den Filmmieten erzielen. Für den lokalen Kinomarkt barg das andererseits z.B. den Nachteil, dass man nun auf örtliche Spezifika und eine differenzierte Resonanz beim Publikum kaum reagieren konnte.

Der Erfinder des Schachtelkinos [1], Heinz Riech, setzte die von Scepanik schon begonnene Zerstückelung des Metro fort. Aus zwei Kinoräumen machte er vier. Auch im Studio krönt die Ufa die schon durch Scepanik mit zwei weiteren Kinos eingeleitete Verschachtelung. Vom Studio 1 wird eine ordentliche Scheibe für ein viertes Studio abgetrennt.

Es scheint, als ob die ganze Kreativität in diese schmerzliche und kurzsichtige Diversifikation des Programms auf Kosten der Räumlichkeiten gegangen ist.

Nach einer gewissen Zeit schrie die Situation förmlich nach Veränderung. Ironie der Geschichte: Es war die Ufa selbst, die den langen Abschied auf Raten ihrer Kinos in Kiel einleitete. Der Abschied begann mit der Schließung des Regina in der Holtenauer Straße. Am 2. Weihnachtsfeiertag 1990 läuft mit „Blues Brothers“ die letzte Vorstellung. Das 181 Plätze umfassende Regina hatte sich im Laufe der letzten zehn Jahre als Programmkino einen Kultstatus erspielt. Noch unter Klaus Scepanik, dem zuvor der Erfolg des Kommunalen Kinos in der Pumpe (Koki) mit seinem laufend wechselnden Programm nicht verborgen geblieben war, war das Kino zu Kiels erstem kommerziellen Programmkino umgewidmet worden.

Zehn Jahre erfolgreiches Programmkino-Leben fanden ein abruptes Ende. Die Besitzer wollten den Pachtvertrag nicht mehr verlängern, nachdem die Ufa fernab vom lokalen Kieler Kinogeschehen die Option auf eine Prolongation verschlafen hatte – oder hatte verschlafen wollen? Denn das Kino war renovierungsbedürftig und brachte aufgrund der niedrigen Eintrittspreise und geringer Nebeneinkünfte nicht unbedingt die erwünschten Gewinnmargen. Und so zog die Commerzbank, „inzwischen Spezialistin in Verwendung ehemaliger Filmtheater“ [2], in die umgebauten ehemaligen Kinoräumlichkeiten ein.

Mit dem Regina verschwand unwiederbringlich ein Teil lebendiger Kieler Kinokultur, es sollte nicht der letzte sein. Neben einem attraktiven, in weiten Teilen relativ niveauvollen Programm (das auf große Erfolge der vergangenen Jahrzehnte setzte), den erschwinglichen Eintrittspreisen, der Uni-nahen mit vielen Restaurants und Kneippen bestückten Gegend, war es allen voran die Kinoangestellte Christel Thomsen, die als Eisverkäuferin mit Entertainer-Qualitäten noch lange in Erinnerung bleiben wird, wie sie gut gelaunt das Publikum oft zu Lachsalven hinriss und schon bald nicht nur unter Stammgästen, von denen es nicht wenige gab, einen legendären Ruf genoss.

Schon vor der Schließung des Regina tauchte für die Ufa das Gespenst eines möglichen Konkurrenten in Kiel auf. Es war kein Geheimnis, dass Flebbe schon seit Jahren nach einem Kinostandort in Kiel suchte. Dem Gerücht, Flebbe hätte dafür die ehemalige, unter Denkmalschutz stehende Margarinefabrik Seibel am Ende der Hörn in den Blick genommen, begegnete die Ufa damit, dass sie selbst 1989 die Immobilie vom Liegenschaftsamt der Stadt Kiel kaufte, vorgeblich um das Gebäude in einen Kinokomplex umzuwidmen. Es stellte sich dann aber heraus, dass ein solcher Umbau gar nicht genehmigungswürdig war. Trotz heftiger Dementi seitens der Ufa hielt sich hartnäckig die Erklärung, dass die Ufa das Gebäude bloß schnell gekauft hätte, um ein CinemaxX von Kiel fern zu halten.

Am 10. März 1995 öffnete Flebbes 4. CinemaxX im so genannten CAP am Kieler Hauptbahnhof dennoch seine Türen zum ersten Mal fürs Publikum. 3.000 Plätze in zehn Kinos, davon zwei 600-Plätze-Säle, so etwas hatte Kiel noch nicht gesehen. Auch belebte sich die Kieler Kinowelt, leider nur für drei Jahre, noch in einem anderen Segment. Mit einer projektierten Größe von 150 Plätzen, von denen aber höchstens 60 realisiert wurden, gab es mit dem MAX-Kino ab Dezember 1994 ein neues Kino, das neben dem Koki und den zwei Kinos in der Traumfabrik (heute: Traumkino) seinen Platz suchte.

Der Konkurrenzdruck für die alteingesessenen Erstaufführungskinos war horrend, der daraus resultierende Besucherrückgang enorm. Trotz vieler anderslautender Beschwichtigungen und Beteuerungen schien die Ufa tatenlos und ohnmächtig nur eine Konsequenz zu kennen: den schrittweisen, gänzlichen Rückzug aus Kiel. So schlossen vorerst auch die letzten alteingesessen Kinohäuser Metro, Studio und Brücke.



31. Juli 1996: Zum letzten Mal für lange Zeit werden im Metro die Plakate abgehängt. (Foto: Helmut Schulzeck)
Das Metro macht den Anfang. Der 31. Juli 1996 ist der letzte Tag für dieses Kino. Ich filme, wie schon tags zuvor, den ganzen Nachmittag bis in den dämmernden Abend hinein mit meinem kleinen Camcorder im Kino, in den Sälen, im Vorführraum mit seinen zwei 3-Teller-Maschinen, auf der Straße vor dem Kino. Befrage Kinobesucher und Angestellte. Viele der Besucher wissen noch gar nicht, dass hier heute nach der Abendvorstellung Schluss sein wird, und lauschen ganz erstaunt bis erschrocken meiner Information.

Der alteingesessene „Kinohase“ Andre Liebmann, der schon von Kindesbeinen an als Sohn des Filmvorführers im Central mit der Kinoluft vertraut ist und so auch beruflich in die Fußstapfen seines Vaters getreten ist, meint, dass ein Einzelhaus schon längst hätte dicht machen müssen und dass nur ein so großer Kinokonzern wie die Ufa es sich leisten kann, so lange durchzuhalten. Erstaunlicherweise für mich sieht Andre seine Zukunft im Brücke-Kino, in das er jetzt vom Metro aus versetzt werden wird, noch sehr gelassen. Doch das wird sich ändern.


Andre Liebmann fährt die letzte Vorstellung im Metro. (Foto: Helmut Schulzeck)
Meine Video-Aufnahmen vom 25. Februar 1998 wecken Erinnerungen in mir. Es war ein typisch grauer, schneeloser Wintertag wie so viele in Kiel in der kalten Jahreszeit. Ich stand mit meiner Kamera gegenüber der Brücke auf der anderen Straßenseite der Holstenbrücke und filmte die Kinofassade durch den dichten Nachmittagsverkehr hindurch.


25. Februar 1998: letzter Tag für die Brücke (Foto: Helmut Schulzeck)
Wie passend dachte ich. Über dem Eingang war in großen blauen Lettern der Filmtitel „TITANIC“ zu lesen, daneben, links und rechts, in etwas kleinerer roter Schrift, die Namen Leonardo Di Caprio und Kate Winslet. Den Eingang teilte eine mit Boden zusammen ein Dreieck bildende aufgespannte hölzerne Trittleiter, offensichtlich dazu bestimmt, die Plastikbuchstaben zum Abnehmen erreichbar zu machen. Man konnte auf die naheliegende Idee kommen, sie sollten wegen des üblichen Programmwechsels am Donnerstag etwas voreilig schon am Mittwochnachmittag ausgetauscht werden. Doch weit gefehlt, die Brücke, das einzige Kieler Kino, das noch einen Rang hatte, sollte an diesem Tag geschlossen werden.


Andre Liebmann am letzten Tag in der Brücke (Foto: Helmut Schulzeck)
Als ich ins Foyer trat, lümmelten sich vier Angestellte mehr oder weniger auf der kleinen Treppe zum Rang, die mit schwarzrotem Teppichboden ausgekleidet war, und verbreiteten fast wortlos eine gedrückte Stimmung. Nach mehrmaligen Bitten konnte ich schließlich Andre Liebmann, hier jetzt Filmtheaterleiter, zu einem knappen Statement vor der Kamera bewegen: „Ich hab’ nicht viel zu sagen. Das ist für mich mein Schlusssatz für diese Kinogeschichte. Ich hab’ sechs Kinos gesehen, wie sie zugemacht wurden. In vier Kinos hab’ ich die letzte Vorstellung gefahren, und das ist alles. So, Ende. Punkt. Gar nicht viel Lust mehr. Gar nichts. Das langt jetzt“, bellte er frustriert mit nur mühsam unterdrückter Wut in den Camcorder.

Den endgültigen Schlussstrich für sich in Kiel zieht die Ufa zum Ende des gleichen Jahres mit der Schließung des Studio. (Helmut Schulzeck)

Anmerkungen:

  • [1] Das erste unsägliche Kino dieser Art entstand 1972 am Hamburger Hauptbahnhof im Glockengießerwall. Bei seinen im Souterrain gelegenen Kinoräumen verbot sich geradezu konstituierend. das Wort „Kinosaal“ in den Mund zu nehmen. Die Kelleranlage, die ursprünglich drei Restaurants beherbergt hatte, dazu die kleinen Kinoschachteln und die langen fast türlosen Gänge beförderten eine klaustrophobische Bunkeratmosphäre. Der Galgenhumor mancher Mitarbeiter gebar das Wort „Führerbunker“, weil Chef Heinz Riech sich gerne in den dortigen Büros aufhielt, wenn er in Hamburg war und hier seinen Konzern leitete.
  • [2] Horst Reimers in: „Von der Kaiserkrone zum CinemaxX. Die Geschichte der Kieler Filmtheater“, Husum 1999, S. 122
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Teil 7 aus der filmhistorischen Reihe, die in loser Folge lokale und regionale Film- und Kinogeschichte aus den „kinematographischen Erinnerungsarchiven“ erzählt. Weitere Teile finden sich hier: