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Letztes Update:
31. August 2019 - 20:35

Er müsse erst den Manager fragen

Nachdenken über einen Dokumentarfilm kurz vorm Schnitt


Zweimal haben mein Kameramann Hans Albrecht Lusznat und ich in den vergangenen zweieinhalb Jahren für meinen dritten „Kenia-Film“ mit dem Arbeitstitel „Mutanga“ vor Ort, in der kenianischen Provinz gedreht. Der filmischen Recherche folgte ein langer Prozess des Sichtens, des Nachdenkens und der Montage des Recherche-Materials. Nach zweimaliger Beantragung einer Filmförderung bei der Filmwerkstatt Kiel der FFHSH bekam das Projekt schließlich eine Förderung, auch noch eine kleinere von der Stadt Kiel, und konnte so mit den Dreharbeiten im letzten Dezember und Januar fortgesetzt werden.

Bei meinen Dokumentarfilmproduktionen, die ich dem Autorenfilm zuordne, entsteht der Film wirklich vollends durchdacht erst beim Schnitt, erst dann kann über Inhalt und Form entschieden werden. Man sollte meinen, dass diese Art, Dokumentarfilme zu machen, für viele Regisseure gültig ist und somit auch von jenen Zuschauern bzw. Rezipienten verstanden und akzeptiert wird, bei denen man ein gewisses Interesse und Wissen über die Produktion eines Dokumentarfilms erwarten darf.

Das dem aber nicht unbedingt so ist, wird mir spätestens immer wieder klar, wenn ich mich vor Produktionsbeginn mit dem Treatment für einen Förderantrag beschäftigen muss. Am liebsten soll man da schon den ganzen Inhalt schriftlich darlegen können, also einen möglichst detailliert beschriebenen Plot, die filmischen bzw. gestalterischen Mittel sowie Struktur bzw. Form zu Papier bringen. Dabei erhalte ich erst beim Drehen vor Ort das Futter für den Film. Gewiss haben Themenstellung, Herangehensweise und Fragestellungen großen Einfluss auf das, was ich bekomme. Dennoch ist viel vom Zufall abhängig, ergeben sich Geschichten oft überraschend aus dem Geschehen heraus oder verschwinden z.B. fest eingeplante Protagonisten völlig unerwartet von den Schauplätzen, wie ein Ökobauer bei uns, von dem wir beim Recherche-Dreh viele Aufnahmen gemacht hatten und der beim Hauptdreh, als wir sein Leben ein wenig vertiefend mit der Kamera begleiten wollten, einfach 200 km von seiner alten Farm weggezogen war. Ich muss jetzt mit dieser nicht zu Ende erzählten Geschichte umgehen. So etwas passiert manchmal. Dokumentarfilm ist eben in seiner ehrlichen und authentischen Form nur bis zu einem gewissen Grade vorher kalkulierbar, lässt sich nur sehr eingeschränkt vorausdenken, schon gar nicht inszenieren, wie es viele doch immer wieder versuchen, auf Kosten der Authentizität, die beim Filmen sowieso immer schon in Frage gestellt ist.

Wie soll ich, wenn ich noch gar nicht weiß, was ich für Footage bekomme, schon inhaltliche Vorhersagen machen und über die formale Gestaltung sprechen, wo sich doch die Form erst aus dem vorhandenen Filmmaterial entwickeln lässt? So stehe ich nun wenige Wochen vor Schnittbeginn mit Kenntnis des umfangreichen Materials vor der Gretchenfrage, wie halt ich’s mit dem Inhalt. Was soll der Film erzählen, was von dem vorher im Treatment Beschriebenen lässt sich jetzt aus dem Material bei der Montage realisieren, was kommt neu hinzu?
Zur Verdeutlichung der angesprochenen Problematik hier drei Versionen einer kurzen Projektbeschreibung meines Films und daran anschließend einige Erinnerungen an die Dreharbeiten, die von der Theorie eines geplanten Filmvorhabens in die Praxis bei den Dreharbeiten führen.

Aus meinem Antrag auf Filmförderung (September 2016), in leicht abstrakten Technokratendeutsch: „Der Film ’Mutanga’ zeigt exemplarisch den zivilisatorischen Sprung eines kenianischen Kikuyu-Dorfes ins 21. Jahrhundert. Dabei steht soziales und kulturelles Beharren auf der einen gegen technischen und wirtschaftlichen Wandel auf der anderen Seite. Der Film beobachtet diesen typisch afrikanischen ’Way of Life’ in die Moderne mit all seinen anachronistischen Widersprüchen und Überraschungen.“

Alternativ dazu der zweite Versuch aus demselben Antrag, schon ein klein wenig griffiger aber auch immer noch sehr offen: „Der Film ’Mutanga’ bringt eine aktuelle Darstellung von kenianischer Gegenwart in einer dörflichen Provinz unter den Kikuyus (der größten Ethnie Kenias) mit einer für Afrika typischen kleinbäuerlichen Struktur, im Widerstreit von Tradition und Fortschritt auf dem Weg in eine sehr veränderte Zukunft. Er fragt, woher man kommt und wohin man will in Mutanga.“


Die traditionelle Küche meiner Schwiegermutter in Kenia (Dez. 2006) (Foto: Hans Albrecht Lusznat)
Und drittens: „Vom Feuer zur Waschmaschine“ betitelt Hans Albrecht Lusznat (München) den kleinen Artikel auf seiner Homepage über unsere Kenia-Filme (Januar 2017). Und weiter heißt es dort: „2006 saß die Familie um das offene Feuer in einer Holzhütte und schaute in die wärmende Glut. Jetzt, 10 Jahre später, sitzen sie in Plastikstühlen in der neuen Küche und schauen auf das runde Guckfenster der Waschmaschine und beobachten, wie sich die Wäsche dreht. Über fünf Monate im Zeitraum von 10 Jahren habe ich mit Regisseur Helmut Schulzeck eine Bauernfamilie im ländlichen Kenia beobachtet und den wirtschaftlichen Aufschwung miterlebt. Zwei lange Dokumentarfilme sind entstanden: ’Du bist mein Afrika’ (D 2007, 79 Min. – Filmkritik infomedia) und ’Meine ferne Familie’ (D 2011, 87 Min. – Filmkritik infomedia). Der dritte über die Veränderung des Alltagslebens ist in Arbeit.“ Es folgen bei Hans Albrecht bebilderte Inhaltsangaben der ersten beiden Filme.


Waschmaschine schauen in der nagelneuen Küche (Januar 2017), die mehr zur Repräsentation als zum Kochen genutzt werden wird. (Foto: Hans Albrecht Lusznat)
Hans Albrecht und ich haben versucht, ein typisches kenianisches Landleben zu dokumentieren, und sind dafür als beobachtende sowie teilnehmende Zeugen in den Alltag unserer afrikanischen Gastfamilie (der Familie meiner Frau) und ihrer näheren Umgebung eingetaucht. So wurden wir nicht nur Betrachter, sondern auch Betroffene des Geschehens, das in der Goldenen Hochzeit meiner Schwiegereltern seinen Höhepunkt fand. Als wir anlässlich dieser großen Feier in einheitlichen, in der Nachbarstadt Nyahururu geschneiderten (ich nenne sie mal) „Show-Anzügen“ auftauchten, die so zum Fest erwünscht waren (alle Schwiegersöhne trugen dieses Outfit, mein Schwiegervater hat neben mir noch zwei weitere, und Hans Albrecht zählte einfachhalber dazu), hatten wir nicht nur bei der 700 Gäste erfreuenden Festivität unsere aktuellen Spitznamen weg: „The Incredible Twins“. Damit schaffte ich es später noch ins Facebook-Profilfoto meiner kenianischen Nichte Winnie, die so begeistert von uns war.


Helmut Schulzeck (links) und Hans Albrecht Lusznat: „The Incredible Twins“ (Foto: Helmut Schulzeck)
Aber zurück zu den Dreharbeiten. Wir hatten den Vorteil, dass man uns durch unsere früheren Drehs nicht nur auf der Farm sondern auch im 1,5 km entfernten Dorf Mutanga schon kannte und sich an uns gewöhnt hatte: „Ah, wieder die beiden Mzungus (Weißen) von der Gathecha Farm.“ Dennoch war bei aller Gastfreundschaft besonders im Dorf mitunter noch ein hartnäckiges, neugieriges Misstrauen zu spüren, was wir denn da eigentlich machten und warum wir uns so beharrlich über Wochen hinaus nur in dieser für die Einheimischen doch ganz unaufregenden, stinknormalen Provinz herumtrieben, anstatt die Nationalparks oder die Urlaubsressorts bei Mombasa oder andernorts an der Küste zu besuchen. So stießen wir z.B., als wir die kleine Meierei, den einzigen etwas „größeren“ Betrieb im Ort, filmen wollten, auf unerwarteten Widerstand. Wir fragten den für uns augenscheinlichen Leiter des Genossenschaftsbetriebs, ob wir dort filmen dürften. Er erwiderte, er müsse erst den Manager fragen, und der sei momentan leider nicht da. Das gleiche Spiel beim zweiten Versuch ein paar Tage später. Als wir beim dritten Mal schon herausbekommen hatten, dass der von uns Angesprochene selbst der besagte Manager war, und ihn mit unserem Wissen konfrontierten, blieb er dennoch tapfer und ungerührt bei seiner Version und sagte vor grinsender Belegschaft, dass er leider bisher nicht das Einverständnis seines Managers bekommen hätte. Und schützte so diese hochsensible Anlage vor unserem, für ihn trotz aller Erklärungsversuche unsererseits nebulösen Begehren.

Vielleicht hätten wir versuchen sollen, auch diesen aufrechten Verteidiger eines jedweden Betriebsgeheimnisses zu porträtieren. Denn bei allem Interesse für die technischen und infrastrukturellen Fort- und Rückschritte in Muhotetu Farmers (so der Name unseres Gebiets), z.B. für die wachsende Anbindung der einzelnen Farmen an das Stromnetz oder die immer noch auf sich warten lassende materielle Verbesserung der Wege, waren es doch in der Regel die menschlichen Geschichten, die unser stärkstes Interesse weckten. Zum Beispiel die von Joseph, den bald 80-jährigen Ökobauern, der uns wie ein junger Spring-ins-Feld voller Begeisterung seine ökologischen Wirtschaftmethoden nahebrachte, auf jeden und alles eine Antwort hatte und, wenn er uns mit Nachbarn bekannt machte, sogar für sie das Antworten auf unsere Fragen übernahm. Vielen seiner Nachbarn galt er als Außenseiter, weil er „zu viel arbeiten“ und alles besser wissen würde.


Joseph, der Bäcker, präsentiert sich als Folklore-Tänzer (Foto: Helmut Schulzeck)
Oder unsere Begegnungen mit Joseph, dem Bäcker, den wir so nannten, weil er so gut Kuchen backen konnte. Dieser Kleinbauer erzählte uns viel von der ursprünglichen Religion der Kikuyus, ihrer Geschichte und ihren althergebrachten Bräuchen. Auch wusste er im Alter von 70 Jahren sein Show-Talent vor der Kamera gebührlich einzusetzen, tanzte so, als ob er unbedingt dazugehörte, geschmeidig zusammen mit der folkloristischen Tanztruppe der Turkana-Frauen am Nationalfeiertag vor der Dorfbevölkerung und der örtlichen Verwaltungsleitung, routiniert wie ein Frank Sinatra. Oder er kletterte mir nix dir nix auf Socken in einen hohen Avocadobaum, um uns ein paar Früchte zu pflücken ...


Joseph beim Avocado-Pflücken (Foto: Helmut Schulzeck)
Der Geschichten gibt es noch viele, besonders natürlich von der Familie meiner Frau, zu denen uns der Zugang naturgemäß leichter fiel; doch will ich an dieser Stelle nicht zu viel vorweg nehmen. Die Kunst wird es nun sein, aus 120 Stunden Footage das richtige Material auszuwählen und sinnfällig zu montieren, so dass der Film ein geschlossenes Ganzes ergibt.

Abschließend noch einmal ein Zitat aus dem Filmförderungsantrag, das, inhaltlich an die Schilderung von Hans Albrecht anlehnend, über das einzelne, hier oben anekdotisch Geschilderte hinaus zurück zur grundsätzlichen Thematik des Films führt: „Noch vor wenigen Jahren saßen z.B. die Frauen meiner Schwiegerfamilie Gathecha abends zum Kochen auf kleinen Hockern rund ums offene Feuer in der afrikanischen Küche, einem vom Wohnhaus getrennten Verschlag, in dem der Rauch unter dem luftigen Bretterdach abzog. Heute speist zusätzlich eine Biogasanlage das Herdfeuer. Die Küche, inzwischen ins Haus integriert, hat neben dem Gasherd, einen selten genutzten Elektroherd und einen festen Kamin. Doch für die meisten Arbeiten hocken die Frauen immer noch auf der Erde oder ihren niedrigen Hockern. Es gibt auch fließend Wasser aus der Zisterne in die Küche. Bis vor kurzem wurde es noch mühsam mit Plastikkanistern vom Regenwassertank hinter dem Haus herangeschleppt. Ein Beispiel von vielen. Aber natürlich gibt es auf vielen kleineren, ärmeren Farmen noch wie eh und je die einfachen traditionellen Küchen. Und Holz wird selbst in mit Biogasherden ausgerüsteten Küchen parallel dazu weiter verbrannt. Man hat immer damit gekocht (und die Waldbestände damit zum Schaden aller heftig reduziert), warum sollte man jetzt damit aufhören? Ein von uns mitgebrachter Solarkocher landete binnen kurzem in der Scheune der Gathechas und verstaubt dort bis heute. Auch hier also die Gleichzeitigkeit von althergebrachter Gewohnheit (das offene Feuer als sozialer Versammlungsort), die ins Ökonomische greift, und den neuen technischen Möglichkeiten (Biogas, Stromanschluss und moderne sanitäre Versorgung in Teilen), die das Leben erleichtern.“

(Helmut Schulzeck)