Der Newsletter zum Thema Medien in Schleswig-Holstein
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Filmkultur Schleswig-Holstein e.V.



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Letztes Update:
19. April 2019 - 10:45

Die Filmbriefe der Kulturellen Filmförderung Schleswig-Holstein (1989 - 2000) auf www.infomedia-sh.org: Nr. 46 November 1998

In der September-Ausgabe 2018 unseres Newsletters www.infomedia-sh.org starteten wir mit einer historischen Serie. Jeden Monat – mitunter, wie zuletzt geschehen, unterbrochen durch unsere zweite filmhistorische Serie „Blick in die kinematographischen Erinnerungsarchive“ – wurde bisher in chronologischer Folge jeweils eine Ausgabe des Filmbriefs der Kulturellen Filmförderung Schleswig-Holstein e.V. (heute Filmkultur Schleswig-Holstein e.V.) im PDF-Format zusammen mit einigen förderungsgeschichtlichen, filmgeschichtlichen bzw. editorischen Anmerkungen veröffentlicht.

Über die Fallstricke des politisch Korrekten


Zukünftig werden wir aus gegebenem Anlass auch gerne mal von der chronologischen Abfolge der veröffentlichten Filmbriefe abweichen, z.B. wenn sich zu einem oder mehreren Artikeln eines damaligen Filmbriefs ein heutiger Anknüpfpunkt entdecken lässt. So wie jetzt im Filmbrief Nr. 46 vom November 1998.

Hier findet sich auf Seite 3 und 4 unter der Überschrift „Liebeserklärung an ein Kieler Stadtviertel“ eine ausführliche Besprechung von Antje Huberts Dokumentarfilm „Gaarden. Wir geh’n als Sieger aus der Schlacht“, der rund 20 Jahre nach seiner Erstaufführung (damals Räucherei) am 27. Februar 2019, 19 Uhr, in der FilmFörde #32 im Kulturforum der Kieler Stadtgalerie in Anwesenheit von Antje Hubert seine Wiederaufführung feiern wird. Das Echo auf die diesbezügliche Ankündigung von FilmFörde auf der eigenen Website und bei Facebook ist größer als erwartet und recht lebhaft, so dass durchaus auf eine ausverkaufte Vorstellung spekuliert werden kann.

Doch was mich hier vor allem bewogen hat, noch einmal über meine damalige Kritik im „Filmbrief Nr. 46“ quasi öffentlich nachzudenken, ist die Zeitgebundenheit meiner damaligen Äußerungen und meiner Wortwahl, die aus heutiger Sicht manch kritischem/r LeserIn bisweilen zu wenig differenziert vorkommen mag, ja gerade zu als von einem politisch rechts Gesinnten zu kommen scheint. Den Anstoß zu einer selbstkritischen Rückschau gab ein Kommentar einer am Film interessierten Leserin im Facebook Messenger an das FilmFörde-Team, in dem sie, nicht wissend, dass ich zu nämlichen Team gehöre, die Anfrage richtete, ob wir nicht unseren kurzen Ankündigungstext zum Gaarden-Film, der ein Destillat aus meiner Langkritik vom „Filmbrief Nr. 46“ war, ändern könnten.

Ich hatte darin unter anderem folgenden Satz formuliert, der vor allem zum Stein des Anstoßes wurde:
„Antje Huberts 20 Jahre alter Dokumentarfilm porträtiert mit Gaarden, das bekannte, damals noch als ’Arbeiterstadtteil’ titulierte Viertel Kiels. Am Ostufer der Förde Standort der größten deutschen Werft, ehemals nahezu vollständig bestimmt vom Schiffsbau und Rüstung, zum Zeitpunkt der Entstehung des Film eher ein Problemstadtteil mit überdurchschnittlichen hohen Anteil an Arbeitslosen und Anwohnern mit fremdländischen Wurzeln.“

Im Originaltext von 1998 heißt es sogar „Ausländer“ statt „Anwohner mit fremdländischen Wurzeln“, was jetzt zwar politisch korrekt formuliert sein mag, aber doch reichlich verschwollen in meinen Ohren klingt.

Die Leserin unserer Ankündigungstextes auf der FilmFörde-Seite bei Facebook meinte, die Nennung „Problem“ und „MigrantInnen“ in einem Satz wirke so, als seien MigrantInnen automatisch ein Problem. Gerade in Zeiten der AfD und des rechtsverschobenen Diskurs in der Gesellschaft wünsche sie sich vom FilmFörde-Team, hier „etwas sensibler zu sein“. Sie wisse ja, dass wir den Text von Helmut Schulzeck übernommen hätten, aber es wäre wohl doch möglich, den Text auf unserer Website umzuformulieren.

Das habe ich dann getan. Die neue Version lautet nun:
„Antje Huberts 20 Jahre alter Dokumentarfilm ’Gaarden. Wir geh’n als Sieger aus der Schlacht’ porträtiert das damals noch als Kieler ’Arbeiterstadtteil’ titulierte Gaarden – am Ostufer der Förde Standort der größten deutschen Werft, ehemals nahezu vollständig bestimmt von Schiffbau und Rüstung, zum Zeitpunkt der Entstehung des Films ein so genannter ’Problemstadtteil’, was nicht selten mit dem überdurchschnittlich hohem Anteil an Arbeitslosen und MigrantInnen begründet wurde. Gaarden war und ist aber gerade durch die soziale Herkunft und den Ethno-Mix seiner Einwohnerschaft einer der wenigen Stadtteile Kiels mit echtem ’Kiez’-Charakter, mit einer immer spür- und erfahrbaren besonderen Atmosphäre und Identität.“

Jörg Meyer, mein Team-Kollege hier bei infomedia-sh und bei FilmFörde, riet der Leserin noch, sie solle doch mal den ganzen Artikel von damals lesen, den wir auch auf unserer Website www.filmfoerde.de abgedruckt haben. Dann würde sie bestimmt ihr Urteil revidieren. Resultat: Sie hatte mindestens vier Stellen im Langtext entdeckt, die sie als rassistisch klassifizierte.

Erschüttert, aber verteidigungsbereit, las ich noch einmal meine damalige Kritik mit strenger Aufmerksamkeit. Und tatsächlich: Ich hatte doch tatsächlich an mindestens vier Stellen Gaardener bloß als „Türken“ bezeichnet. (Helmut Schulzeck)