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Letztes Update:
8. Juni 2019 - 20:08

Afrikanisch auf Augenhöhe

„Mutanga“ (D 2019, 99 Min. Regie: Helmut Schulzeck)


In das Dorf in Kenia kam er einst, in die Heimat seiner Frau, die er in Südafrika kennengelernt hatte. Das war für Helmut Schulzeck eine Art Initialzündung und auch Initiation für seine Kenia-Trilogie „Du bist mein Afrika“, „Meine ferne Familie“ und jetzt zuletzt „Mutanga“.


Kenianische Provinz auf dem Weg in die globalisierte Moderne (Fotos: Hans Albrecht Lusznat, Helmut Schulzeck)
Warum macht er jetzt noch diesen dritten Kenia-Film, fragten sich manche Kieler Filmkollegen, seinen Eifer an diesem ihn offenbar immer wieder bewegenden Thema, zwar sehend, aber nicht unbedingt goutierend: Schien es ihnen doch, als hätte sich der Dokumentarfilmer in ein Thema verrannt, käme nun nur der dritte Aufguss dessen, wie es in Kenia, dem Dorf Mutanga aussieht.


Mutanga Shopping Center
Allein, Helmut, der in den beiden Vorgängerfilmen oft – unfreiwillig freiwillig – wenig, aber dafür gut, weil bravourös, zwischen Beobachter und Beteiligtem unterschied, weil da eben nichts zu unterscheiden war, ist im dritten Teil der Trilogie umso mehr unbeteiligter Beobachter.

Man solle sich als Journalist nicht mit dem Beobachteten und Berichteten gemein machen, heißt eine eherne Regel. Müssen wir sie annehmen? Schulzeck und sein kongenialer Kameramann Hans Albrecht Lusznat lassen sich von so etwas nicht beirren, sie schauen genau hin – buchstäblich bis in die „Kuhscheiße“, die ein Familienmitglied in der neuen Biogas-Anlage aufrührt.


Einige Vertreter der jüngsten Generation der Gathecha-Familie
Gathecha heißt diese Familie, dessen Patriarch „Papa Wangechi“ schon in den beiden Vorgängerfilmen sozusagen wusste, wo Bartel den Most holt. 10 Jahre nach dem ersten Film ist Papa noch mehr der Held der Gemeinde, wünscht sich aber immer noch, dass der vermeintlich reiche weiße Schwiegersohn aus Deutschland ihm noch mehr Reichtum bringen könnte.


Erfinderischer Patriarch: Papa Wangechi vor seinem neuen Haus
Und auch die anderen angeheirateten Verwandten aus Kenia belämmern Helmut bisweilen mit Forderungen, als wäre er der Heilsbringer aus Deutschland. Ist er nicht, er ist ein armer Filmemacher. Warum macht er das, wenn es doch nichts einbringt, fragen sich ungläubig seine kenianischen Verwandten.

Und er fragt sie, was Wohlstand sein könnte. Was er für sie bedeutet. Ein Europäer sucht nach Afrika. Das ist ihm auf wundervolle Weise gelungen. Er zeigt das Echo der so genannten „Unterentwicklung“, und er zeigt auch, dass die kenianischen Mitmenschen schon selber wissen, wie man es zu einem guten Auskommen, ja Wohlstand bringen kann. Da ist die Waschmaschine, die Helmut zwar mitbringt und vor der alle staunend sitzen. Aber: Sie haben längst gegooglet und daher gewusst, was die Waschmaschine alles kann ...

Afrika ist nicht blöd, nicht rückständig, manchmal der Zukunft eher zugewandt und fortschrittlicher als wir vermeintlich reichen Europäer. Das Vorurteil arm vs. reich lässt sich dennoch nicht ausräumen.


Die nächste Familiengeneration nimmt ihre Zukunft in die Hand: Louise ...
Und doch zeigt der Film, wie die mit Helmut verschwägerten Louise und John ihr Leben in die Hand nehmen. Reich sind ihre Ideen, was man machen könnte – so wie hierzulande ein an der Armutsgrenze herumlavierender Dokumentarfilmer Filme in Afrika dreht ...


... und John
Am Anfang ein Bild vom Taganfang, noch dunkel, bis die ersten Vögel zwitschern. Dann die kenianische Provinz, die Straße, die kaum befahren, scheinbar ins Nichts führt. Bilder, die bewegen, die inspirieren, dass alles Neue da anfängt, wo es noch nicht ist – oder gerade keimt.


Kurz vor Sonnenaufgang auf der Gathecha-Farm – eine Arbeitsversion des Filmtitels
Helmut Schulzeck ist ein Film gelungen, der diesen – sich gerade vollziehenden – Aufbruch zeigt. Dort in Kenia, in Mutanga, fern von Aufbrüchen, die wir in Europa nicht mehr schaffen. (jm)

„Mutanga“, D 2019, 99 Min. Regie, Buch und Produktion: Helmut Schulzeck; Kamera: Hans Albrecht Lusznat; Schnitt: Kai Zimmer; Beratung: Bernd-Günther Nahm. Gefördert von der Filmwerkstatt Kiel der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein und Landeshauptstadt Kiel, Amt für Kultur und Weiterbildung.
Premiere: Sa, 9.3.2019, 20:30 Uhr, Kino in der Pumpe, Kiel