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Letztes Update:
1. Oktober 2019 - 12:12

50. Nordische Filmtage Lübeck

Eine tragikomische Liebeserklärung an Dithmarschen und seine Menschen

„Die Schimmelreiter“ (Lars Jessen, D 2008)


Wer glaubt, es handelt sich bei Lars Jessen neuer norddeutscher Komödie „Die Schimmelreiter“ um eine moderne oder wie auch sonst immer geartete Verfilmung von Storms berühmter Novelle „Der Schimmelreiter“ sieht sich getäuscht. Der Film, dessen Arbeitstitel recht treffend noch „Buddies“ lautete, spielt auch nicht in Nordfriesland sondern vor allem im benachbarten Dithmarschen und kann als eine Liebeserklärung an diese Provinz verstanden werden, die so flach und baumlos ist, dass man montags schon sieht, wer am Sonntag zum Kaffee kommt, wie es so schön heißt. Dass dieses Roadmovie in der ungemütlichen Jahreszeit, an rauen, nassen, nebeligen Wintertagen, aufgenommen wurde, an denen sich dann manchmal das tiefe Januarlicht um so dramatischer durch das bleiern stürmische Küstengrau kämpft, erhöht den optischen Reiz der Location auf wunderbare Weise.

Klar, die Leute sind hier bisweilen furztrocken, dickschädelig, aber dennoch herzlich und irgendwie urig – eben norddeutsch. So auch die beiden Hauptfiguren, gehören sie doch zu jenem ausgefallenen, störrischen Personal, das mit seiner Stehaufmentalität so wunderbar in diese (die Dithmarscher mögen es mir verzeihen) öde Kohlkopp-Gegend passt. Fuchs (Peter Jordan) ist hier Gaststättenkontrolleur beim Ordnungsamt in Heide und möchte seinem ländlich Imbissbuden-Arbeitsalltag nach Hamburg entfliehen, wo er schon wohnt und eine türkische Freundin hat. Doch der Hamburger Dienststellenleiter will sich dazu bloß erweichen lassen, wenn Fuchs seinen Bruder für einige Zeit bei sich aufnimmt. Für Fuchs, einen fidelen Menschenfreund wie aus dem Bilderbuch, scheint das kein Problem, ahnt er doch nicht, was für einen groben und aggressiven Klotz er sich mit dem ewig schlechtgelaunten und rücksichtslosen Tillmann (Axel Prahl) ans Bein bindet. Tillmann, ein ehemals abgebrochener Student der Germanistik und Kunstgeschichte, hat sich danach als Weltenbummler versucht, ist schließlich in Italien bei seiner großen Liebe abgeblitzt und liegt nun als depressiver, „nichtsnutziger“ Alkoholiker seiner hanseatischen Familie mehr oder weniger auf der Tasche.

Im Straßenkreuzer auf „Schlemmertour“ durch Dithmarschen (Axel Prahl (l.) und Peter Jordan) (Foto: NFL)
Mit dem Quartier bei Fuchs in Hamburg gibt sich Tillmann nicht lange zufrieden, sondern hängt sich bei „Schmalzlocke“ ein, wie er seinen Gefährten abschätzig aber dessen Äußeres durchaus zutreffend charakterisierend nennt. So gehen dann die beiden schrägen Typen, Altruist und Egoist, in Fuchs’ altem amerikanischen Straßenkreuzer auf Dienstfahrt durch das abwechslungsvolle kulinarische Reich zwischen Boulette und Asia-Imbiss und „arbeiten“ sich an einander ab. Lehrjahre, aus denen beide am Ende ein wenig geläutert hervorgehen sollen.

Altruistische „Schmalzlocke“: Peter Jordan als Fuchs (Foto: NFL)
Doch für eine lange Zeit ist es vor allen Fuchs, der Lehrgeld zahlt, nutzt Tillmann ihn doch leidlich aus, spielt sich unerlaubterweise als sein Kollege auf, zockt die erschrockenen Kleingastronomen ab und steckt die sofort zu entrichtenden Bußgelder in die eigene Tasche. Das Geschehen gewinnt zuweilen tragikomische Züge, z.B. wenn man einen von seiner Ehefrau verlassenen Gastwirt in seinem ganzen Jammer erlebt. Auch geht Tillmann bei seiner Methode, seinen Opfern die Bußgelder abzuknöpfen, so rabiat vor, dass Fuchs’ Menschenfreundlichkeit kaum noch dagegen ankommt. Es dauert lange, bis ihm der Geduldsfaden platzt und es so zu einer besonders für Tillmann schmerzlichern Klärung kommt.
Der Film ist eine Fundgrube des leisen aber herzhaften norddeutschen Humors, gespickt mit Situationskomik und wunderbar traurig in die nass bis frostige Landschaft platziert. Dass Axel Prahl das Zeug zum heftigen Kotzbrocken hat, hat man schon immer geahnt, und Peter Jordan ist mit seinem komischen Talent die ideale Besetzung. Ganz typisch und köstlich, wenn er seine Berufsphilosophie zum Besten gibt: „Im Grunde ist doch ein Imbiss eine tragende Säule unser Kultur und unserer Demokratie. Und ich sorge dafür, dass diese Säule erhalten bleibt.“ – Eigentlich müsste der Film im Kino ein Renner werden. (Helmut Schulzeck)

„Die Schimmelreiter“, Deutschland 2008, 100 Min., 35 mm, Regie: Lars Jessen, Drehbuch: Ingo Haeb, Lars Jessen, Kamera: Michael Tötter, Darsteller: Peter Jordan, Axel Prahl, Katharina Wackernagel. Der Film wurde gefördert von der MSH, der Kulturellen Filmförderung Schleswig-Holstein und Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein.

Der Film ist im Filmforum der Nordischen Filmtage Lübeck 2008 am Samstag, 1.11.2008, 13.45 Uhr im CineStar (Kino 4), und am Sonntag, 2.11.2008, 16.45 Uhr im Filmhaus zu sehen.